Mittwoch, 24. August 2016

Von Breslau in den Kibbuz. Stadtschreiber on tour (III)

"Hallo Marko...Dann nehmen Sie doch am besten den 10:51-Bus von der Arlosoroff-Station in Tel Aviv und kommen dann 12:40 in unserem schönen Hügel-Ort Kiryat Tivon an. Ich hole Sie ab, mein Mann kümmert sich derweil ums Mittagessen, und wir beide freuen uns schon. Herzlichst, Tamar." 
So geht das eben in Israel: Vermittelt durch die Historikerin Katharina Friedla die Enkelin des Breslauer Tagebuch-Chronisten Willy Cohn anmailen, dann sogleich von jener Dr. Tamar Cohn-Gazit empathische Antwort erhalten und kurz darauf mal so eben das halbe, winzige Land von Süd nach Nord durchqueren in bequemer zweistündiger Überlandbusfahrt. Eine Intellektuellen-Herzlichkeit und häusliche Spontanität ist das, die mir - der Ehrlichkeit halber muss es einmal gesagt werden - während der bisherigen vier Monate in Wroclaw kaum begegnet ist und die auch im wichtigtuerischen "Terminplan-Abgleichen"-Berlin fast nur unter denen zu finden ist, die sich bereits kennen. Nun aber bin ich hier, Sonnenstrahlen pfeilen auf den weich gewordenen Asphalt der Bus-Station, und im Schatten eines Mäuerchens steht ein jüdischer Afroamerikaner und singt mit Unterstützung einer Sound-Maschine Ray-Charles-Songs ins Mikrophon, so dass ich - der Bus wird hupen, aber warten - voller Bewunderung stehen bleibe, Seite an Seite mit einem Soldaten, der sich nach meinem Fahrtziel erkundigt. "Kiryat Tivon? Was für eine Idylle! Wusstest Du, dass Bibis Sara dort zur Schule gegangen ist und die Leute im Ort noch heute über das anmaßende, tumbe Girl spotten? Anyway, ich muss weiter..." Zur Erklärung: Gemeint ist Sara Netanyahu, die Frau des gegenwärtigen Premiers Benjamin "Bibi" Netanyahu.



Im Bus dann weiter die Lektüre von Willy Cohns "Kein Recht - nirgends. Breslauer Tagebücher 1933-1941", deren skrupulöse Intensität den Aufzeichnungen Victor Klemperers in nichts nachsteht. Denn er war ja hier gewesen, im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina, hatte im Frühjahr 1937 die Möglichkeit erkundet, sich mit der Familie hier anzusiedeln. Ein Besuch im Kibbuz Giwath Brenner bei seinem 1935 auf eigene Faust ausgewanderten Sohn Ernst (dem späteren Vater der Historikerin, die ich besuche werde),  Abstecher nach Haifa, Tiberias und Jerusalem (wo er am Deutschen Generalkonsulat die Hakenkreuzfahne wehen sieht). Ein Ausflug auch nach Tel Aviv, auf die Allenby Street, die damalige Prachtstraße der ab 1909 mit einem Spatenstich dem Dünensand abgerungenen Mittelmeer-Stadt. Und der bereits 1933 aus dem Schuldienst vertriebene Lehrer, gottesgläubige Sozialdemokrat und liberale Intellektuelle, der hier im Lande mit seiner Breslauer Geistesausbildung keine Chance sieht, die Familie lebenspraktisch zu ernähren: Wie er dennoch in seinen Aufzeichnungen plötzlich ganz gelöst, ja beglückt wirkt angesichts der Sonne und des Strandes, im Kontakt mit großherzigen Menschen von unprätentiöser Würde, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen haben. "Überall aufbauende Arbeit. Im Kibbuz zeigt mir mein Sohn Ernst den neu entstandenen Garten und die Baumschulen. Am Abend ist dann Ausleihstunde, und viele der Kibbuzniks machen von den bereits reichen Beständen der Bibliothek Gebrauch. Wie es mich reizen würde, hier zu bleiben!" Ach um G-ttes Willen, lieber Herr Cohn, möchte man ihm über die Jahrzehnte zurufen, lieber Herr Dr. Studienrat Cohn, so bleiben Sie doch hier, bleiben Sie hier, irgendeine Arbeitsmöglichkeit findet sich immer, da in Ihrer geliebten Heimatstadt Breslau ja schon die Mordpläne geschmiedet werden, Sie und die Ihren ums Leben zu bringen!





"Ach, was soll man sagen, er war eben ein Jecke, ein deutscher Jude, und angekettet an das von ihm so verehrte Deutschland, unfähig, sich eine Existenz außerhalb von Breslau vorzustellen, wo man ihn doch ab 1933 immer mehr an den Rand gedrängt hatte." Mittagstisch-Gespräch in einem freundlichen Bungalow-Häuschen in Kiryat Tivon, wo es inmitten sanften Hügelwindes tatsächlich so idyllisch ist, wie vom Ray-Charles-begeisterten Soldaten vorhergesagt. Harmonischer, grüner Norden Israels! 
"Mein Großvater hätte angesichts der Hügel um uns herum wahrscheinlich sogleich an den Zobten gedacht", sagt die 1947 hier im Lande geborene Tamar Cohn-Gazit mit einem feinen Lächeln, das voller Sympathie ist, mit Nachsicht und Schmerz: Denn nicht hier in Israel beschloss Willy Cohn seine Tage, sondern wurde mit den in Breslau verbliebenen Familienmitgliedern am 25. November 1941 ins litauische Kaunas deportiert und dort vier Tage später erschossen. "Es war ein richtiges Paradeschießen", würde der für das Massaker verantwortliche  SS-Standartenführer Dr. Jäger (sic!) in einem Protokoll triumphal notieren: Allein an jenem 29. November 1941 1.155 Frauen, 693 Männer und 152 Kinder von deutschen und litauischen SS-Leuten mit Maschinengewehren niedergemäht.



Die Enkelin spricht über ihren Großvater auf englisch. Tamars Mann Amnom, ein ebenso kluger Pensionär und Zubereiter des wundervoll mediterranen Mittagessens, kommentiert, auf deutsch: "Natürlich ist auch meine liebe Gattin noch genug deutsch geprägt, um Perfektionistin zu sein und die Sprache, die sie ein wenig von ihrem Vater Ernst erlernte, aus Furcht vor etwaigen Grammatikfehlern nicht zu sprechen. Aber verstehen tut sie´s ja doch und ist deshalb auch froh, dass seit 2008 den deutschen Lesern die Breslau-Tagebücher ihres Großvaters in einer hervorragend editierten Ausgabe vorliegen, herausgegeben vom 1938 ebenfalls in Breslau geborenen bundesdeutschen Historiker Norbert Conrads."



Die Geschichte der geretteten Tagebücher: Eine Odyssee. Willy Cohn hatte ab Weltkriegsbeginn 1939, als sich alle Ausreisepläne endgültig zerschlagen hatten, bereits mit dem Schlimmsten gerechnet, sah sich und die Familie in einer tödlichen Falle - und trug Sorge, dass späterhin wenigstens das Tagebuch gerettet würde, mit Hilfe eines mutigen nicht-jüdischen Freundes. Wie viel Zufälle und geradezu aberwitzige Begegnungen und Fügungen, um Kopien des Manuskripts schließlich in die Hände von Ernst Cohn gelangen zu lassen! "Mein Vater hatte sich ja bereits kurz nach seiner Ankunft 1935 von einem schüchternen, bebrillten Jungen zu einem ernsthaften Kibbuznik entwickelt, ein ehemaliger Breslauer Gymnasiast, der sich nun hier als Autodidakt sogar das Traktorfahren beibrachte. Und dann in langen Jahren, nach der harten täglichen Arbeit, die Tagebücher seines Vaters vom Deutschen ins Hebräische übertrug, Wort für Wort."
Dieser Sohn Willy Cohns - zusammen mit der Schwester Ruth und dem rechtzeitig nach Frankreich entkommenen Bruder Wolfgang einer der ganz wenigen Überlebenden der Familie - muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein. Inzwischen sind die drei Geschwister hochbetagt verstorben, und auch Tamar Cohn-Gazit ist längst bereits Großmutter und erwartet in der nächsten Stunde Enkel-Besuch. "Zeit genug für den Film..." Und so werden - nachdem wir den Esstisch gemeinsam abgeräumt haben, Kibbuz-Ethos ist auch in individualistischeren Zeiten noch immer ansteckend - die Dessert-Früchte auf den Fernsehtisch des weiträumigen Parterrezimmers gestellt und der Videorecorder angeschaltet. Eine Dokumentation der deutschen TV-Journalistin Petra Lidschreiber aus dem Jahre 2008: Noch leben die drei einst dem Holocaust entkommenen Kinder des Historikers, besuchen das heutige Wroclaw, gehen den Spuren ihres Vaters am Rynek nach, stehen dort vor dem einstigen Familienbesitz des Hauses Nr.49. Oder spazieren hier in Israel durch die von Ernst Cohn so liebevoll kultivierte Landschaft, voll schmerzlicher Überlegungen, ob der Vater damals nicht doch... Zu spät.

Aber: Die Tagebücher gerettet. Aber: Der Name Cohn von den Dr. Jägers des Dritten Reichs schließlich doch nicht ausgelöscht. Aber: Plötzlich ein riesiges Tohuwabohu draußen im blühenden Garten, Kinderstimmen. "Marko, das sind sie..." Und hereingetollt kommen die Ur-Urenkel von Willy Cohn, quirlige kleine Israelis.
"Auch für diese Nachkommen habe ich schließlich die Arbeit meines Vaters Ernst komplettiert und den Band von Willy Cohns Tagebüchern auf hebräisch herausgegeben. Hat ziemliches Aufsehen verursacht. Gut so, denn die Beschreibungen schleichender Diskriminierung, Ausgrenzung und Manipulation, die mein Großvater geliefert hat, sind ja so intensiv und universell gültig, dass man geradezu gezwungen ist, auch Fragen bezüglich der weltweiten Gegenwart zu stellen."
Apropos, und da - zynisch gesprochen - die heutigen Gutes-Gewissen-Deutschen, geläuterte Nachkommen des Dr. Jäger, so gern (und motiv-psychologisch eindeutiger, als ihnen lieb sein dürfte) die Formel "Man wird ja wohl auch Israel noch kritisieren dürfen" herunterbeten...
Tamar Cohn-Gazit lacht, ihr Mann seufzt auf. "Keine Bange, dass machen wir Israelis schon selbst gar nicht schlecht. Probleme unter den Tisch zu kehren ist kein Bestandteil jüdischer Tradition. Eher schon das Gegenteil..." Dennoch, bei aller Kritik an der gegenwärtigen Regierung: Es ist ein guter Ort, dieses Kiryat Tivon, im Norden Israels, nahe Haifa, wo die Historikerin lange Jahre gelehrt hatte. Die Hügel gegenüber sind von Drusen und Arabern bewohnt, israelischen Staatsbürgern, deren Parteien im Parlament sitzen. Die Spannung, die in den besetzten Gebieten herrscht, ist hier in Kern-Israel weit weg, man kennt und schätzt einander, in den ehemaligen Kibbuzim, heute zumeist privatisiert, arbeiten Juden und Araber ohnehin kollegial zusammen. Wenn auch, natürlich, stets ein unaufhebbarer Rest von Distanz fortbesteht.
"Vielleicht ist es ja wie bei der Tafel am Rynek 49...", sagt Tamar Gazit-Cohn und führt den Gedanken nicht weiter aus. Nicht nötig, wo es doch offensichtlich ist: Die Gedenkplakette für ihren Großvater ist auf polnisch und englisch beschriftet - zwei Sprachen, in denen der deutschjüdische Lehrer und Historiker, Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und Mitglied der SPD, nie geschrieben hat. An den Stadthistoriker zu erinnern, ohne dessen Muttersprache noch einmal sichtbar werden zu lassen, ist natürlich absurd. Andererseits: Wer wäre berufen, dies zu kritisieren? Die geläuterten Nachkommen all der unzähligen Dr. Jägers, die sich nun als freundliche Nostalgie-Reisende auf die "deutschen Spuren in Breslau" begeben, wären gewiss nicht die Richtigen, hier etwaige Korrekturvorschläge anzubringen. Während die ehemaligen Breslauer in Israel schon froh genug sind, dass ihrer Geschichte im jetzigen Wroclaw so umfangreich gedacht wird. Weil es ja auch Wichtigeres gibt als die Sprachen auf Gedenkplaketten - etwa die erfreuliche Tatsache, dass Willy Cohns Tagebücher inzwischen auch auf polnisch übersetzt sind.
"Und Sie wissen, weshalb mir mein Vater Ernst den Vornamen Tamar gegeben hat?", fragt die Historikern zum Abschied, ganz wie nebenbei. "Zum Gedenken an seine kleine Schwester Tamara Cohn, eines von 152 Kindern, die bei jenem `Paradeschießen` am 29. November 1941 ermordet wurden. Sie war damals drei Jahre alt. Während ich jetzt schon 66 Jahre älter bin als meine in Litauens Massengräbern verscharrte Tante..."
Israel, Ort der Überlebenden - noch immer. Bewahrtes Bewusstsein von der Fragilität unserer Existenz. Und jene, die uns daran erinnern, von einem solchen Großmut und einer Herzensgüte, das man beinahe weinen möchte vor Freude an der Existenz solcher Menschen. Wie gut, diese Reise von Wroclaw nach Eretz Israel unternommen zu haben!


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Samstag, 20. August 2016

Von Breslau nach Petach Tikva. Stadtschreiber on tour (II)

„We can speak german, because the young man here comes from Breslau. from Wrocław!”

Beseder, yoffi..”

„Aber lieber Herr Holzer, auf deutsch, bitte! Wie ich Ihnen bereits am Telefon hatte ausrichten lassen, ist der junge Mann – Literaturstipendiat im polnischen Wroclaw –extra hierher gekommen, um uns uralte Breslauer zu treffen. Ist das nicht schön?“

„Aber gewiss doch, mein lieber verehrter Dr. Sklarz! Und Sie, hochwillkommener Besucher, nehmen bitte Platz neben meinem Sitz da, da ich nicht mehr allzu gut zu Fuße bin mit meinen 93 Jahren. Währenddessen wird Ihnen Victor, meine großartige Haushaltshilfe aus den noch ferneren Philippinen, gewiss ein Glas kühles Wasser bringen, Labsal bei dieser Augusthitze, die auch des Abends noch anhält, wenngleich die Wände dieser Parterrewohnung ebenso gut kühlen wie jene in der Etage darüber, wo die Familie meiner Tochter lebt. Victor, bawakascha, would you please be so kind to bring some table water for our guest. Beseder?“

Nein, sie ziehen mitnichten irgendeine dreisprachige Höflichkeits-Show ab, der 1923 in Leipzig geborene und in Breslau aufgewachsene Gabriel Holzer und der etwas jüngere, 1935 in Breslau geborene Benjamin Sklarz. Ebenso wenig wie Dr. Sklarz´ charmante, feinsinnige Frau, die mich ein paar Stunden zuvor in perfektem Oxford-Englisch nach meinen Tea-Wünschen befragt hatte und mit ihrem Mann besprach, welche Art Früchte man am besten zum Afternoon-Cake reiche.

„Wundern Sie sich nicht! Als ich mit meiner Familie aus Breslau via Cuxhaven in England ankam, lebte meine zukünftige Frau mit ihren Eltern dort schon ein paar Jahre, ebenfalls geflüchtete deutsche Juden. Und so kommt es, dass wir beide fast immer englisch miteinander sprechen, eine freilich nicht auf unsere Kinder und Enkel ausgedehnte Angewohnheit, die wir auch nach unserer Übersiedlung nach Israel beibehalten haben.“

Was ebenfalls beibehalten wurde: Ein deutsch, das formidabel zu nennen noch eine Untertreibung wäre. Antiquiert, gar gespreizt? Im Gegenteil: Von einer solchen Nuanciertheit, die von Stilempfinden und Ethik zeugt: Denn die einfügten Nebensätze in Benjamin Sklarz´ Rede (und ein paar Stunden später, noch vehementer in den Erinnerungen von Gabriel Holzer), sind ja nicht irgendwelche Füllsel, sondern eingeschobene Überlegungen, Abschwächungen oder Verdeutlichungen – ein selbstreflexives Beinahe-Innehalten im Fluss der Rede.

Dabei hat der promovierte Chemiker, der trotz seiner 81 Jahre mit seiner hochgewachsenen Gestalt noch immer beinahe jugendlich-schlaksig wirkt, überhaupt nichts Pedantisches an sich. Eher ist es das Beibehaltene, was drei Jahre vor seiner Geburt in seiner einstigen Heimatstadt für lange Jahre verloren gegangen war: Anstand. Deshalb gar nicht so viel von sich selbst sprechen, sondern lieber vom „Verband ehemaliger Breslauer in Israel e.V.“. Aus dem Arbeitszimmer einen ganzen Stapel jener 28seitigen "Mitteilungen" holen, einer Publikation, die bis 2011 existierte und von der Treue der Breslauer Juden zur ihrer Geburtsstadt erzählte, von Besuchen im nunmehr polnischen Wroclaw, von Aktivitäten in der neuen Heimat Israel. "Aber wir sterben langsam aus und sollten wir etwa nur noch Todesanzeigen bringen?"




Benjamin Sklarz, orthodoxer Kippaträger, lebensweltlich liberal, von trockenem britischen Humor geprägt. Und dann doch wieder diese Genauigkeit: Dass ich doch bitte in diesem Blog-Eintrag nicht zu erwähnen vergesse, wem ich den Kontakt mit ihm zu verdanken habe, diesen Besuch in der Stadt Petach Tikva vor den Toren Tel Avivs: Dr. Katharina Friedla, die das Buch "Juden in Breslau/Wroclaw 1933 bis 1949" geschrieben hat und darüber hinaus wissenschaftliche Beraterin war des Dokumentarflms "Wir sind Juden aus Breslau. Überlebende Jugendliche und ihre Schicksale nach 1933", der im Herbst in Wroclaw (am 6.11. im Kino Nowe Horyzonty) und in Berlin (am 13.11. im Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum) seine Uraufführung erleben wird, in Polen dann auch in Anwesenheit von Benjamin Sklarz. 

„Und bitte –bitte - schreiben Sie auch, wem wir die Großtat verdanken, dass unsere längst verschiedenen `Mitteilungen` nun vollständig online und von Lesern eingesehen werden können, damit die Geschichte der Breslauer Juden in Israel im Gedächtnis bleibe: Maximilian Eiden vom Schlesischen Museum in Görlitz und dem Historiker Ingo Loose. Sobald Sie wieder drüben in Tel Aviv sind, wird Sie der entsprechende Link erreichen, den Sie doch bitte Ihrem Blog hinzufügen mögen.“ 

(Was hiermit geschieht:  http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/7411685)

Hinzufügen mögen! Benjamin Sklarz sieht mein Lächeln –und bricht in Lachen aus. Und doch ist diese Sache mit den Namen alles andere aus eine Marotte oder Dankbarkeits-Routine. Vorbei an den gerahmten Familienbildern aus dem alten Breslau gehen wir hinüber ins Arbeitszimmer, wo mir auf dem (vom IT-affinen Sohn  eingerichteten) PC die feine Strukturiertheit der Sklarzschen Korrespondenz präsentiert wird: Tabellen, gegenwärtige Adressen-Listen von jenen, die einst das unermessliche Glück gehabt hatten, nicht auf die Deportations-Listen ihrer deutschen Landsleute geraten zu sein. Ehemalige Breslauer, rund um den Globus verstreut und die Markierung im Falle von Ableben etwas sogenannt Normales, durch das hohe Alter erklärbar und nicht „durchgeführt“ von deutschen Einsatzgruppen oder wie die staatlichen Massenmörderbanden sich auch sonst noch benannt haben mochten.

„Sie kennen die Tagebücher von Willy Cohn, ja? Die Breslauer Aufzeichnungen bis zur Deportation im November 1941? Und Sie wissen, dass seine Enkelin ebenfalls in Israel lebt und die hebräische Übersetzung ediert hat? Ah, Frau Dr. Friedla hat Ihnen auch diese Adresse übermittelt, und schon morgen Vormittag fahren Sie mit dem Bus hoch nach Kiryat Tivon? Gut, gut... In einer der Cohnschen Tagebuch-Eintragungen vom Sommer 1939 ist auch mein Vater erwähnt, der im jüdischen Reformrealgymnasium am Rehdigerplatz 3 –heute Plac Pereca –unterrichtet hatte. Ein polyglotter Gelehrter, dessen Weitblick wir die Abreise aus Breslau verdanken, ganz kurz vor Toresschluss, ehe am 1. September der Weltkrieg begann. Auf dem Friedhof, an dem heute die Straße zum Wroclawer Flughafen vorbeiführt, befinden sich übrigens die Gräber meiner Großeltern. Quasi zeitig genug gestorben, um weder flüchten zu müssen noch erschossen oder vergast zu werden.“

Dennoch ist Benjamin Sklarz kein bitterer Mensch geworden. Greift nach kurzem Gespräch mit seiner Gattin zum Telefonhörer, erreicht einen gewissen Victor, spricht auf englisch und sagt dann: „Wie erfreut, Herr Holzer!“

Im Auto, ein paar Querstraßen durch das nunmehr abendliche Petach Tikva, singt er Kinderlieder: Aber dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert... „Sie müssen wissen, mein Vater war trotz oder gerade wegen seiner Gelehrtheit ein Freund der Schüttelreime. In England sind dann noch Limericks hinzugekommen...“

Und so sind wir dann schließlich zu früher Abendstunde in der Wohnung des 93jährigen Gabriel Holzer, der nach jener kurzen Sprach-Konfusion vom Hebräischen ins Englische schließlich in die deutsche Muttersprache zurückfindet und mir von seiner Schülerkindheit in Breslau erzählt. Und natürlich vom allseits beliebten Lehrer Willy Cohn, der freilich seit 1933 nur noch die Kleinen unterrichten darf, ehe er schließlich gänzlich aus dem Schuldienst geworfen wird. „Sie müssen wissen, junger Freund, Herr Cohn war einer jener ganz wenigen Lehrer, die Schülern in Erinnerung bleiben – aufgrund ihrer Menschlichkeit und ihrer Fähigkeit zur Empathie, die freilich scharfe Ironie nicht ausschloss, meinte doch zuweilen mein Lehrer, es gebreche mir mitunter an Ernsthaftigkeit.“ (Es gebreche mir mitunter an Ernsthaftigkeit - oh so schöne, bewahrte deutsche Sprache! An einem Abend in Petach Tikva, Israel.)


„Ich war 18, als ich über Triest in Haifa ankam  und eine Stelle bei der Zollverwaltung fand, die damals, vor der Staatsgründung im Jahre 1948, selbstverständlich noch unter britischer Oberhoheit stand. Seither weiß ich, wie man in Büchern dünne goldene Uhren oder Geldscheine zu schmuggeln vermag – vorausgesetzt natürlich, man ist fähig, den Einband entsprechend zu manipulieren. Aber derlei waren die Beschäftigungen Anderer, nichts für mich.“

Herr Holzer ist dann beim Zoll geblieben, hat eine Familie gegründet, freut sich heute an seinen Enkeln und inzwischen sogar Urenkeln –und hatte mit seinem Freund Dr. Sklarz dann 2009 nochmals Wroclaw besucht, war die alten Straßen abgegangen.

„Wir waren ja auch in der Yorckstraße, der heutigen Ulica Jemiolova, wissen Sie noch? Meine Kindheits- und Jugenderinnerung: Ein schönes altes Haus voller Efeu. Dazwischen aber die Hakenkreuzfahnen. Und beides miteinander verwoben im Gedächtnis: Der idyllische Efeu und die Fahnen der Mörder.“

Vor allem aber das Geburtshaus des in Breslau geborenen Schriftstellers Emil Ludwig hatte man suchen wollen, war Ludwig doch in den zwanziger und dreißiger Jahren ebenso populär gewesen wie Stefan Zweig. „Auch er schließlich ein Vertriebener und heute fast Vergessener“, sagt Herr Holzer und rückt mit zitternden Greisenfingern die Kippa auf seinem Hinterkopf zurecht, während Dr. Sklarz mir mit diskretem Blick auf die Armbanduhr signalisiert, uns nun langsam auf den Weg zu machen, um die verbliebene Energie des alten Mannes nicht allzu sehr zu erschöpfen.

Plötzlich ein Lachen, unerwartet hell. „Ich sehe genau, wie Sie zur Uhr blicken, mein lieber, hochverehrter Herr Dr. Sklarz! Ehe jedoch unser Besucher, dessen Visite mich hocherfreut hat, mit dem Autobus Numero 82 heimgekehrt nach Tel Aviv, sei ihm ein letzter Blick auf meine gegenwärtige Abendlektüre erlaubt, denn Alter und Hinfälligkeit und Wehwehchen hin oder her –der Mensch muss sich rege halten, um zumindest ein bisschen den Geist über den Körper siegen zu lassen.“

Und das ist die Abendlektüre des Gabriel Holzer, geboren 1923 in Breslau: Emil Ludwigs voluminöse Goethe-Biographie, einst die Beinahe-Bibel des deutschen Bildungsbürgertums.„Manchmal erzähle ich Victor von unserem Goethe und er revanchiert sich mit Fabeln aus seiner philippinischen Heimat, deren Konklusionen oft sehr bedenkenswert sind. Beseder, Victor?“

Beseder“, antwortet der freundliche Mann von den Philippinen auf hebräisch und schlägt vor, dass wir ein paar Erinnerungsfotos machen. „To keep the good memories...“


Dann verabschieden wir uns voneinander, meiden dunkel dräuende Bemerkungen á la „Vielleicht zum letzten Mal“, da ja doch ohnehin plötzlich alle besorgt sind, dass ich den nächsten Bus zurück nach Tel Aviv nicht verpasse. Im Auto zur Bushaltestelle singt Dr. Sklarz wieder deutsche Volkslieder. „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle...Kennen Sie das noch?“

Aber ja, ich hatte es nur seit meiner Kindheit nicht mehr gehört. Unvergesslicher Nachmittag und Abend in Petach Tikva, im Lande Israel, am östlichen Rand des Mittelmeers.

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Mittwoch, 17. August 2016

Von Breslau nach Jerusalem. Stadtschreiber on tour (I)

„Es war im Juli 1938, als ich von einem Balkon aus die zukünftigen Mörder meines Volkes sah, dort unten auf dem riesigen Areal, wo heute – wie Sie mir gesagt haben – ein schönes neues Musikforum steht. Nun, damals wurden dort ganz andere Melodien aufgespielt. Zackige Märsche, Hitlers von den Massen frenetisch bejubelte Rede, dann der von Goebbels minutiös geplante Aufmarsch der Sudetendeutschen, der den Einmarsch in der Tschechoslowakei atmosphärisch vorbereiten sollte … Norman Davis hat diesem – für Hitler, Göring und Goebbels so entscheidenden Spektakel des `Deutschen Turnfestes´ – mehrere Seiten in seiner großartigen Breslau-Biographie gewidmet, und ich habe ihm daraufhin einen Brief geschrieben. Ich war ja damals dabei, wenn auch keiner der Jubelnden, sondern ein furchtsames sechsjähriges Kind namens Manfred, das, von seinem Kindermädchen auf die so lautstark Feiernden aufmerksam gemacht, bereits Böses ahnte.“

Professor Mordechai Rotenberg, Jahrgang 1932, sitzt in weißem Hemd und Hosenträgern in seiner Jerusalemer Wohnung und schiebt eines seiner zahlreichen Bücher über den Tisch. „The Trance of Terror“ – eine Studie über „psycho-religiösen Fundamentalismus“. Pure Gegenwart: Terror im Namen einer Religion. Auch deshalb die Taschenkontrollen an der Busstation in Tel Aviv, wo alle 20 Minuten die Busse nach Jerusalem abfahren, die erneuten Kontrollen beim Verlassen der Station in Jerusalem. Doch wie schnell und entspannt geht das, wie zivil wirken die jungen Soldaten und Soldatinnen im Bus, die zu ihrer jeweiligen Base zurückfahren, Uniform, Stiefel und Uzi – vor allem aber Smartphone und eine nicht enden wollende Freude am Flirten.


Wie viele Menschen, denke ich auch dieses Mal, wären gerettet worden, hätte es dieses Israel schon 1938 gegeben. Wäre nicht gerade damals die Einwanderung der Verfolgten durch die Briten im damaligen Mandatsgebiet Palästina gedrosselt worden – auf Druck arabischer Feudalherren, die auf den benachbarten, brachliegenden Feldern keine emanzipatorischen Zionisten wollten, die den „arabischen Massen“ womöglich hätten vorführen können, wie modernes Leben geht. Dabei ist Professor Rotenberg, dem damals mit seiner Familie im quasi letzten Moment die Flucht geglückt war – über Jugoslawien hinunter nach Triest, dann mit einem Schiff nach Tel Aviv, wo es freilich noch gar keinen richtigen Hafen gab – ein durchaus religiöser Zeitgenosse, dessen Wohnung mit chassidischer Kunst geschmückt ist. Die „Buchdruckerei Rotenberg“, in der sein Vater, ein in Warschau geborener Gelehrter, einst die Abschlussarbeiten Breslauer Studenten druckte, ist freilich längst Vergangenheit, höchstens noch ein Foto im Familienalbum, dessen andere Seiten leer bleiben: Nur wenige der Familie Rotenberg überlebten die Shoah, jenes vom selbsternannten „deutschen Kulturvolk“ angezettelte Menschheitsverbrechen.



Auch deshalb bin ich für ein paar Tage hier im Lande Israel – um jene Ex-Breslauer zu treffen, deutsche und polnische Juden, die noch davon zeugen können, dass ihre Geburtsstadt ja mitnichten erst im Frühjahr 1945 zerstört wurde, sondern alles an jenem 30. Januar 1933 begonnen hatte und sich fortsetzte – auch in jenem Sommerspektakel von 1938, bei dem der kleine Junge Manfred wohl das erste Mal erlebte, wie Massenhysterie angefacht wird. Vielleicht auch deshalb wirkt der inzwischen emeritierte und für sein psycho-soziales Engagement mit dem renommierten Israel-Preis ausgezeichnete Intellektuelle durchaus kühl, gönnt sich an diesem Nachmittag keine Ausflucht ins Joviale. Und dennoch ist da auch Freude: Am Ende dieser Woche wird Professor Rotenberg wieder einmal in Wroclaw sein, die Synagoge zum Weißen Storch besuchen, Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz treffen.

Und: „In den hiesigen Zeitungen schrieben sie, ich wäre der Mann, der Jerusalem gerettet hätte – ein Kid aus Breslau.“ Mordechai Rotenberg schlägt eine Zeitung auf, die ihn als 16jährigen Kämpfer zeigt: Nie mehr wehrlos sein, weder ins Gas getrieben werden noch ins Meer. Als 1948 auf UN-Beschluss der Staat Israel gegründet wurde, hatten noch in der gleichen Nacht fünf arabische Armeen das Land überfallen. In Jerusalem tobten die heftigsten Kämpfe just dort, wo sich heute das französische Kulturinstitut befindet. Und Manfred, der damals bereits den stolzen Namen Mordechai trug – Hommage auf den biblischen Helden, Cousin von Esther, der am persischen Königshof den Kniefall verweigerte – hatte aus dem Fenster eines umkämpften Hauses jenen Molotow-Cocktail geworfen, der ein jordanisches Militärfahrzeug in Flammen aufgehen ließ und den Vormarsch ins jüdisch bewohnte Westjerusalem stoppte.



„Nun gut, das sind so Erinnerungen. Hier, auf dem anderen Bild, mein damaliger Vorgesetzter und ich, inzwischen zwei Greise …“ Und die gerahmte Wandfotografie mit dem Gesicht eines freundlichen jungen Mannes in Uniform? „Mein jüngster Sohn. 1988 bei einem Einsatz ums Leben gekommen.“ 

Beinahe lapidare Information und gleichzeitig Stoppschild: Trotz der Idylle der Gelehrtenwohnung, trotz des von Pinien gefilterten, auf den Tisch hereinpfeilenden Sonnenlichts – dieser Jerusalemer Nachmittag ist nicht dem erbaulichen Anekdoten-Erzählen gewidmet. Professor Rotenberg, der in Berkeley und New York lehrte und an der Jerusalemer Universität ein Leben lang forschte,  ist auch kein liberaler Vorzeige-Säkularer, eher ein religiös geprägter Intellektueller, dem freilich Vernunft, rationales Maß und Glauben keine Widersprüche sind. Könnte die Fachdisziplin der Religionspsychologie, die er maßgeblich geprägt hat, vielleicht als Resultat seiner Kindheitserinnerung an jenes „Deutsche Turnfest“ interpretiert werden? Ein Achselzucken als modeste Antwort: Professor Mordechai Rotenberg, geboren in Breslau, wohnhaft in Jerusalem, ist kein Freund des Selbstlobs.

Danach, auf der Rückfahrt nach Tel Aviv, die faszinierende Lektüre von „The Trance of Terror, eine Art religiös forschende Ergänzung zu Elias Canettis Masse und Macht, die allerdings nicht nur religiöse Mantras als Gefahr für selbstständiges Denken beschreibt, sondern auch jene politische Korrektheit, die sich ja ebenfalls an der Wiederholung der ewig gleichen, pseudo-progressiven Formeln berauscht. Was für ein kraftvoller Einspruch gegen sich dumpf einlullendes Denken und Tun! Nur die interpretierte Nähe von Trance-Techno und Rave-Rhythmen zu seelischer und intellektueller Selbst-Entfremdung scheint mir ein wenig ungerecht. Schließlich sind es meine besten Freunde hier im Lande, die sich am sommerlichen Strand von Tel Aviv tagnächtlich diesen Soundbytes hingeben – ohne auch nur einen Gran ihrer Selbstreflexivität zu verlieren. Zumeist Soldaten auf Wochenendurlaub, schützen sie nämlich auch diesen Strand – Insel der Lebensfreude und Toleranz im blutigen Nahen Osten und einstiger Ankunftsort jenes kleinen Teils der Familie Rotenberg, die der deutschen Mordmaschinerie gerade noch hatte entkommen können.

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Samstag, 13. August 2016

Unterwegs als Menscher-Fischer: (Beinahe) Atemlos durch die Nacht...


Die Frage war kein Scherz: „Sag, wann triffst du denn endlich unsere Rechtsradikalen?“ Schließlich sei das weltoffene Breslau leider auch ein hotspot der Extremisten, erst kürzlich hätten diese vor dem Rathaus ein Foto des Bürgermeisters Rafal Dutkiewicz verbrannt. Und weshalb, bitte, sollte ich diese Kugelbauch-Typen treffen? „Na weil du der Stadtschreiber bist!“ Café-Gespräche am berückend bunten Rynek oder abends in lauschigen Biergärten am Oderstrand. Die Gesprächspartner - Studenten, Bohémiens und andere erfreulich Polyglotte - scheint nämlich die Sorge umzutreiben, man präsentiere mir in der Stadt womöglich nur die EU-kompatible Sonnenseite und verschweige die gesellschaftlichen Verwerfungen. Außerdem, so eine weitere Bitte, müsse ich irgendwann auch eine hiesige Soziologin treffen, die eine empirisch beglaubigte These vertrete: Die Europäische Kulturhauptstadt Wroclaw, das ehemalige Breslau, sei keineswegs so aufgeschlossen, wie sie sich gern gibt.

Wobei - dialektisch gedacht - allein die Tatsache solcher Gespräche das Gegenteil beweisen könnte. Ganz zu schweigen von meinen abendlichen Club-Touren, da es eben keinesfalls ein offizielles „Besichtigungs-Programm“ für mich gibt und ich diesbezügliche Bitten/Forderungen beizeiten freundlichst, aber deutlich abgelehnt hatte: Da ist etwa Sami Harb, in Warschau lebender junger New Yorker mit libanesischen Wurzeln, der auf den Bühnen polnischer Clubs den Sänger-Tänzer-Entertainer gibt und regelmäßig in Wroclaw auftaucht, am liebsten in jenem Club unterhalb der alten Liebichshöhe, wo sich früher die Kasematten der alten Stadtbefestigung befanden und zu Zeiten der „Festung Breslau“ ein im wahrsten Wortsinn unterirdischer Befehlstand. „Glaub mir, die Stadt und ihre Bewohner sind okay. Ich weiß, wovon ich rede - mit all meinen vorherigen Therapie-Sitzungen in Manhattan, die hier ganz und gar unnötig sind, really.“ (Auch wenn wir dieses Gespräch dann vor allem als Dialog führen, da ich der einzige bin, der Sami beim Zigarette-Rauchen am Ausgang anzusprechen gewagt hatte, während die Einheimischen - zu unserem gemeinsamen, vielleicht nicht ganz fairen, doch absolut milden Amüsement - in etwas anachronistischer Bewunderungs-Distanz verharren und mit großen Augen gucken.) Oder jener smarte Wroclaw-Einwohner aus einem arabischen Land, der im Erdgeschoss des hiesigen Cuba-Cafés bei Enrique-Iglesias-Songs sich als polnisch sprechender Latino präsentiert und mir auf französisch Geheimtipps ins Ohr flüstert, mit welchen Charme- und Rhythmus-Offensiven man hiesige Frauen ihren mitunter doch etwas plumpen, schnell besoffenen boyfriends abspenstig machen könne - zumindest da und dort und für eine Viertelstunde. (Für den Fall, dass die Betrogenen physisch Ärger machen, hat der sanfte Monsieur sogar etwas Pfefferspray dabei, auch bestens geeignet, eventuell am Rynek-Rand herumlungernde Rechtsradikale auf Abstand zu halten.) 




Nicht zu vergessen jener junge Französisch-Übersetzer, der zuvor im von Techno-Sound durchwummerten Cactus-Club noch den oberkörperfreien Jogginghosen-Proll gegeben hatte: Samstagmorgens dann entlang des Stadtgrabens in den neuen Sommertag hineingewankt, machte er plötzlich einen schnellen Ausfallschritt, als nahe des Trottoirs ein Auto vorbeibrauste: „Kurwa, il faut pas finir comme Roland Barthes...“ (Zur Erinnerung: Der Pariser Poststrukturalist war im Februar 1980 nach einem Dîner mit Francois Mitterand beim Straße-Überqueren in einen Kleintransporter gelaufen und an den Folgen des Unfalls gestorben.) Was sind das für Geschichten? Ganz einfach: Sie erzählen von der Sehnsucht nach dem Heterogenen, von einer entspannten Tändelei, die sich mit den Horizonten von Stadt und Vaterland nicht zufriedengibt.  Erzählen von Hedonismus mit Hirn - und ein souveränes Schulterzucken für all jene Unglücklichen, die weder die Leibesfreuden des Cactus-Club noch die Geistes-Euphorie einer präzisen Roland-Barthes-Lektüre kennen. Und die tumben Ultrarechten in ihren ganz anderen Trainingshosen, mit ihren kahlgeschorenen Schädeln und den Bierbäuchen? Auf dem Weg vom Biedronka-Supermarkt in meine Stadtschreiber-Wohnung laufe ich ja bereits regelmäßig an einem ihrer Sympathisanten-Sportläden vorbei, dessen Tür ein riesiges Anti-Merkel-Plakat ziert. An dessen unterem Ende: Durchgestrichene Symbole en masse - vom Euro über Immigranten bis hin zu einer Körperkonstellation, die, unfreiwillig komisch, wohl einen „homosexuellen Akt“ darstellen/verdammen will. Wie trist! Sollten sich lieber, denke ich, ein Beispiel an jenen frohgemuten Happening-Protestlern nehmen, die zur Umbruchszeit ´89 mit diesem, SOLIDARNOSC sinnlich erweiternden Transparent auf Wrocławs Straßen gegangen waren: SEKSUALNOSC! (Haha...)

Resümee: Welche Zeitverschwendung also, würde ich die Extremisten-Leute/Meute treffen. Dann schon lieber die Anderen: Die mit den kritischen Analysen und - dies vor allem - die mit den erotischen Erfahrungen.
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Mittwoch, 10. August 2016

Brexit in Wrocław.

Im sehr lesenswerten Deutschland-Tagebuch des polnischen Schriftstellers Stefan Chwin findet sich u.a. diese bedenkenswerte Beobachtung: Deutsche Gegenwartsautoren, die in die ehemaligen deutschen und seit 1945 polnischen Regionen reisten, würden zwar interessante und auch vergangenheitskritische Geschichten erzählen – doch immer nur einzig und allein aus ihrer Perspektive.

Chwins berechtigter Vorwurf nationaler Selbstbezogenheit ließe sich allerdings mit einem Gegen-Argument ein wenig abschwächen: Wäre es denn besser, die deutsche Gegenwartsliteratur geriere sich derart übergriffig, dass sie die polnische oder jüdische Perspektive auch gleich noch mit einnähme? Im übrigen datieren die Eintragungen aus dem „Deutschland-Tagebuch“ aus der Zeit um die Jahrtausendwende. Seither ist viel geschehen: Mehr und mehr Polen sprechen englisch, können somit „ihre Geschichten“ interessierten, des Polnischen nicht mächtigen Deutschen auch viel einfacher mitteilen. Gelernt hatten einige von ihnen die Sprache in London und Leeds, in Manchester und Liverpool.

Auch ich profitiere von dieser Entwicklung. Fühle mich in Wrocław eben nicht „lost in translation“, sondern werde Ohrenzeuge davon, wie vor allem junge Polen unter dem angekündigten Brexit leiden. Mit dem vielberedeten „deutsch-polnischen Verhältnis“ hat das nichts zu tun. Auch geht es nicht um Träume und gesellschaftliche Utopien. Oder vielleicht doch: Denn gerade die Landflüchtigen aus den Käffern rings um Wroclaw hatten die EU-Niederlassungsfreiheit nutzen können, ihren Horizont zu weiten, Geld zu verdienen, mit einem anderen Blick in ihre Heimat zurückzukehren. Und mir davon zu erzählen. Da ist etwa die junge Hairstylistin, die ihr Handwerk in London gelernt hatte und in einer WG lebte, die im wahrsten Sinn multi-ethnisch war – inklusive von Konflikten, die sich freilich auf zivilisierte Weise domestizieren ließen. Mit ein paar Ersparnissen zurückgekehrt nach Wrocław, möchte sie nun bald wieder hinaus in die weite Welt: Was aber, wenn in Great Britain Polen als versierte Arbeitskräfte plötzlich nicht mehr erwünscht sind und sich nach dem Brexit-Referendum ungeahnte Barrieren auftun? Bliebe dann Kanada oder Australien, da ihr Neuseeland zu abgeschieden ist und die USA zu stressig?

Das sind die Geschichten jener, die – gerade als sozial Nicht-Privilegierte – von einer EU profitiert haben, deren Regelwerk eben nicht „anonym“ ist, sondern den Schwachen die Möglichkeit gibt, sich auf Verträge berufen zu können und nicht mehr völlig abhängig zu sein von den Launen nationaler Bürokratien. Denn diese jungen Menschen sind weder subventions-gepamperte Akademiker noch verwöhnte Künstler, die sich erst ab einer gewissen Stipendiums-Höhe in Bewegung setzen. Und schon gar nicht handelt es sich bei diesen Polinnen und Polen um jene Enkel der spätkommunistischen Nomenklatura Osteuropas, die nun in Brüssel "International Law" studieren, um die partielle Rechtlosigkeit in ihren jeweiligen Ländern noch ein paar Jährchen in die Länge zu ziehen.

Was aber wird jetzt mit den Wagemutigen aus Wrocław?

„Und jetzt erst recht“, sagt, mein Erstaunen freudig auskostend, mit Downtown Abbey-Akzent der weiterhin hoffnungsvoll anglophile P., der mir seinen angeblich unaussprechlichen, mit Konsonanten überhäuften Vornamen nicht ausbuchstabieren will. „Call me Dexter!“ Schließlich sei dies auch sein Nickname gewesen, als er vor ein paar Jahren bereits schon einmal in der britischen Hauptstadt gelebt hatte – in einer WG mit gleichaltrigen jungen Indern, die übrigens keineswegs dauernd mit dem Kopf gewackelt hätten und auch kein Curry-Aroma versprühten.

„Ich hab´ ein paar Zlotys gespart, die in London hoffentlich erst dann aufgebraucht sind, wenn ich einen neuen Job gefunden habe. Und ehe irgendwelche neuen Regeln erlassen sind, die mir das Leben erschweren. Anyway, keep finger´s crossed.“ Immerhin habe er, um selbst die europa-skeptischsten Briten um den Finger zu wickeln, seinen Akzent – damals in London erlernt und nun in Wrocław verbessert und verfeinert, wann immer er auf seinem Smartphone die geliebten movies mit Judi Dench und Maggie Smith sehe.

Das ist die wirkliche Elite, denke ich gerührt, Nachfahren von Balzacs Rastignac, furchtlose junge Menschen, die sich mit den großen Städten messen wollen, Schmiede ihres eigenen Glücks. Wie gut, dass wir alle zusammen englisch sprechen können, um Erfahrungen auszutauschen und nicht eingesperrt bleiben müssen in den jeweiligen nationalen und Sprach-Perspektiven. Also Brexit hin oder her: Never give up!
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Samstag, 6. August 2016

In Deutschland kaum bekannter Visionär europäischer Versöhnung: Kardinal Bolesław Kominek

Welch ein Kontrast! Während in Deutschland die Geschichte von Willy Brandts Warschauer Kniefall längst Teil des nationalen Gedächtnisses ist, scheint der Name von Bolesław Kominek weiterhin unbekannt zu sein. Auch eine Ausstellung im Berliner Abgeordnetenhaus hatte daran nichts ändern können, denn wer verirrt sich schon dahin?

Die Original-Breslauer Ausstellung – noch zu besichtigen bis zum 26. September – aber zieht noch immer unzählige Besucher ins sogenannte Arsenal, ein trutzig anmutendes Backsteingebäude aus dem 15. Jahrhundert. 



Doch nicht die historische Waffenausstellung ist der Magnet, sondern die Geschichte jenes 1903 geborenen Bolesław Kominek, an den seit 2005 auf der Sandinsel, der größten der Breslauer Oderinseln, sogar ein überlebensgroßes Denkmal erinnert. Der polnische Kardinal nämlich war 1965 der Verfasser jenes Hirtenbriefs an seine deutschen Glaubensbrüder, der in dem später historisch gewordenen Satz gipfelte: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Das kommunistische Regime schlug damals sofort Alarm: In polnischem Namen die deutschen Naziverbrechen vergeben – und gleichzeitig für die Vertreibung der Deutschen um Vergebung bitten? Was, wenn diese Botschaft tatsächlich gehört und in der Bundesrepublik ein Bewusstseinswandel stattfinden würde – was, wenn ein verändertes Westdeutschland dann nicht mehr als revanchistischer Popanz dienen könnte?

Was die Kommunisten also sofort als Gefahr begriffen – die deutschen Bischöfe erkannten es nicht als Chance. Antworteten ihren polnischen Glaubensbrüdern auf eine solch kühle, unverbindliche Weise, dass die Parteikommunisten triumphieren konnten: Seht, mit einem solchen Deutschland ist kein Friede möglich, unser Platz bleibt an der Seite der Sowjetunion … Erst fünf Jahre später kam es mit dem Warschau-Besuch Willy Brandts zur Zäsur. Jene zahllosen aufarbeitungsstolzen Deutschen, die den damaligen Kniefall quasi als deutsches Verdienst betrachten, aber seien an den melancholischen Kommentar von Kardinal Wyszynski, damals Primas von Polen, erinnert: „Von den Deutschen erhielten wir alles, was wir wollten – aber nicht von denen, von denen wir es wollten.“

Ein agnostischer deutscher Sozialdemokrat und dazu einige deutsche Protestanten hatten reagiert, nicht aber das Gros der deutschen Katholiken. Die polnische Opposition aber griff in den folgenden Jahrzehnten immer wieder auf die Worte des couragierten, 1965 so schmählich allein gelassenen Kardinals Kominek zurück, um den Traum von einem vereinten, versöhnungsbereiten und nicht-revanchistischen Europa wachzuhalten. Und auch daran erinnert diese Ausstellung, die mit Bild- und Tondokumenten einen weiten Bogen spannt von Hitlers und Stalins Überfall auf Polen 1939 bis zum Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahre 2004. Die menschenfreundliche Vision des 1974 gestorbenen Bolesław Kominek war nun endlich Wirklichkeit geworden. Auf einer der Schautafeln im Arsenal heißt es dazu auf polnisch, englisch und deutsch: „Der Bewusstseinswandel in beiden Ländern hat aus Polen und Deutschen NATO-Verbündete und Partner in der Europäischen Union gemacht. Auch heute noch gibt es Schwierigkeiten, und in beiden Ländern sind Kräfte am Werk, die diese Schwierigkeiten politisch ausnutzen wollen. Aber nichts erinnert mehr an das gegenseitige Desinteresse und den Hass von vor 50 Jahren.“

Es sind nicht nur Geschichtsstudenten, sondern auch viele junge Familien auf Sommerausflug, die gerade vor diesen Worten innehalten und dann leise miteinander sprechen. Unvergessliche, emotional berührende Momente, in denen die Rede von Europa plötzlich konkret wird und Gesichter bekommt. Gesichter von großer Ernsthaftigkeit und wunderbarer Sanftmut.



Jene Gegenwarts-Deutschen aber, die sich Willy Brandts Kniefall von 1970 heute ans Revers heften, als wären sie damals in Warschau gewesen, seien nicht nur an jenen Kardinal Kominek erinnert, sondern auch an die Tatsache, dass nur wenige Wochen nach dem Kanzlerbesuch das kommunistische Regime wieder scharf schießen ließ – auf die revoltierenden Arbeiter von Gdańsk im Dezember 1970, die für ihren Mut einen hohen Blutzoll zahlten.

Frage deshalb: Wie ist es um „unser“ bundesrepublikanisches, sich ein wenig zu oft auf die eigene Schulter klopfendes Geschichtsverständnis bestellt, wie formelhaft die Rede von Scham, Versöhnung, etc., wenn wir von all diesen geschichts-relevanten Tatsachen quasi nur durch Zufall erfahren, freiwillige Gefangene eines geradezu lächerlich selbstbezogenen Aufarbeitungs-Narrativs?




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Montag, 1. August 2016

Karate-Piotrs Gespür für Max Herrmann-Neiße. Eine Begegnung

Nein, er war nicht dabei, als im April gegen Ende meiner „Inauguration“ als Stadtschreiber plötzlich eine Menge Leute herum zu wuseln begannen, die mir zwar keinerlei Fragen stellten, mich jedoch als eine Art Abwurfstelle für ihre diversen Visitenkarten betrachteten. Kein Wunder: Erstens ist dieser Piotr Stronciwilk nicht von dieser Art, zweitens besitzt er gar keine Visitenkarten. (Ebenso wenig wie ich, wenn man die mir damals zugesteckten nicht mitzählt, da deren Rückseiten alsbald praktische Verwendung fanden als Biedronka-Einkaufszettel.) Nun, ein paar Monate später, wollte es der Zufall, dass ich ein älteres Heft von „Elixier“, der Zeitschrift der hiesigen Germanisten-Studenten, in die Hände bekam. darin Gedichte von Max Herrmann-Neiße, im deutschen Original und in polnischer Übersetzung.

„Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen …“ 1886 im schlesischen Neiße (dem heutigen Nysa) geboren, Literatur-Star der Weimarer Republik, dann 1933 ins Exil getrieben und 1941 verarmt und vereinsamt in London gestorben, hatte dieser vom Leben wahrlich nicht sonderlich Beschenkte den Exil-PEN mitbegründet, der heute „PEN-Club deutschsprachiger Autoren im Ausland“ heißt – als dankbares Mitglied dieser noblen Vereinigung weiß ich, wie viel wir Heutige diesem tapferen Dichter verdanken. Und obwohl ich kein polnisch verstehe, konnte ich, zunehmend gerührt in dem Heft blätternd, doch sehen, wie die jungen Germanistik-Studenten und Studentinnen Herrmann-Neißes liedhaftes Versmaß in ihre Sprache übersetzt hatten, wunderbare Fährleute, die allesamt erst Ende der achtziger Jahre geboren waren. Deshalb ein ganz großes Kompliment an Natalia Domagala, Justyna Helm, Monika Klich, Katarzyna Kurka und Julianna Redlich!

„Einsam treiben wir von Land zu Lande,/ überall der ungebetene Gast./ Einsam bleiben wir, der Heimat Schande/ beugt den Rücken uns mit schwerer Last … Z wyspy na wyspę dryfujemy,/ Goście niemili, nieproszeni,/ A hańby kraju ciężar niemy/ Zgina nam karki aż do ziemi.“

Aber da gab es doch noch einen sechsten Germanistik-Studenten, nämlich den 1988 in Głubczyce geborenen Piotr Stronciwilk, von dem es in der Kurz-Biographie hieß: „Ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist der Sport, hauptsächlich Karate. Er ist Mitglied des Karate-Teams der Universität Wrocław.“

Ein Karate-Typ als Übersetzer des kleinwüchsigen lebenslangen Außenseiters Max Herrmann-Neiße, ein Sportler, der „Des Dichters Unendlichkeit“ und „Sturm“ ins Polnische übertragen hatte und ich auch bei diesen Gedichten das schmerzlich Leicht-Liedhafte des Originals wieder zu erkennen glaubte?

Wie gut, dass es Facebook gibt! Wie gut, dass dieser Piotr auch sogleich Zeit hatte und sich mit mir verabredete – zum Glück nicht in einem standesgemäßen Literaten-Café, sondern in einer richtigen Trottoir-Bierkneipe unterhalb der Bahnschienen nahe der Arkady Wrocławskie. Auftritt eines denkbar unprätentiösen Muskelmannes mit Oberarm-Tattoo und Secondhand-T-Shirt, der vorgibt, die bewundernden Blicke der an den Nachbartischen sitzenden Frauen nicht wahrzunehmen, die diesen Piotr natürlich mit den Bierbauchwesen vergleichen, die an ihrer Seite klumpen.




„Warum lachst du?“, fragt der freundliche Germanist, der bereits Volker Braun und Goethe und Klaus Theweleit übersetzt hatte und Ende August seine Verlobte heiraten wird – auch sie eine Karate-Begeisterte. Ich weiche ein wenig aus, aber auf der Netzhaut war just eben dieses Bild: Karate-Piotr im Kreis Berliner Germanistinnen – streng wirkender Frauen mit Doppelnamen und Silberschmuck bzw. jüngerer, in Sackleinen Gekleideter und mit „Genderforschung“ beschäftigt. Ob sie ihn auch so ausgehungert angehimmelt und Vergleiche gezogen hätten zu ihren Partnern, amorph spargeldünnen Institutionsmitarbeitern mit einer Präferenz für Latte Macchiato mit Sojamilch und stets auf der verzweifelten Suche nach „Drittmitteln“?

Schließlich kann ich mein Lachen nicht mehr unterdrücken und erzähle die Vision. Karate-Piotr, Träger des braunen Gürtels, aber sagt nur „Yo“, zündet sich eine weitere Zigarette an und ist wieder bei der ungleich entscheidenderen Frage, wie ein Gedicht aus Goethes „West-östlichen Divan“ adäquat ins Polnische zu übersetzen sei, da der darin bedichtete Atem-Austausch zwischen Gott und Mensch schon bei der kleinsten sprachlichen Abweichung einen ganz anderen philosophischen Dreh bekäme. Yo, man!

Piotr, der irgendwann über seine Verlobte sagt. „Sie hat das gleiche wie ich – ein Frühwarnsystem, wenn Leute Bullshit reden. Dann gibt´s contra.“

Der feinsinnige Muskel-Mann (und Raucher!) mit dem Gespür für Karate-Griff und Versmaß, der weder das eine noch das andere forciert betont. (Angesichts solch unangestrengt cooler und empathisch-sensibler Menschen: Was für eine Fallhöhe, wenn man dann wieder schmallippige Fake-Wesen ertragen muss.) Was für ein toller Abend also, obwohl danach von all dem Bier und den Zigaretten meine Stimme fast Leonard Cohensche Tiefen erreicht.

„Apropos Leonard Cohen! Nicht nur ein genialer Musiker, auch ein großer Dichter, dunkler Visionär. Und …“ Und weiter geht unser Gespräch über Lyrik und die Welt, bis es fast Mitternacht ist. Dazu diese ein wenig hellere Vision: Irgendwo auf Wolke Sieben sitzt das bucklicht Männlein Max Herrmann-Neiße, der hier unten auf unserer Erde diese mitunter nahezu göttlichen Verse schrieb und das Unglück hatte, zeitlebens ein Unbehauster zu sein. Ich stelle mir vor, wie er hinunter auf die Gleise und das Trottoir von Wrocław blickt und uns zuhört. Hoffen wir, dass Karate-Piotr und der Stadtschreiber ihn nicht enttäuscht haben, denn wenn einer ebenfalls ein sprachliches Frühwarnsystem gegen Bullshit hatte, dann war es dieser unsterbliche Dichter aus Neiße, heute Nysa.   
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