Sonntag, 28. August 2016

Klartext, ungefiltert. O-Ton eines polnischen Blog-Lesers

Es spricht: A., 22. Ort: Wroclaw an einem frühen Party-Morgen.

„Natürlich nicht! Auch diese Runde geht auf mich, keep cool. Oder glaubst Du etwa, ich wäre wie diese deutschen Bildungstouristen, die Dir `Stadtschreiber` so lange auf den Sack gehen, bis Du Dich breitschlagen lässt – und das auch noch gratis, Idiot – und abends, als hättest Du nicht noch zu arbeiten, in deren Hotelrestaurants auftauchst, um Fragen anzuhören im Stil von `Ach, Sie schreiben auch einen Blog? Und worüber?´ Und dazu, als Krönung: Sie beordern Dich her, nachdem sie zu Abend gegessen haben. Haha, muss man sich mal vorstellen, echt ein Kulturvolk. Aber jetzt gibt´s Wodka for free, klaro?

Wie ich ihn finde, den Blog? Gut, dass Du mich fragst, denn wahrscheinlich bin ich Dein einziger polnischer Leser. Oder hast Du von diesen Institutions-Nasen, die – ich hab´ ja alles nachgegoogelt in Bild und Text – bei dieser  pompösen ´Inauguration´-Sache um Dich herumgewuselt waren, um ihr eigenes showing off zu machen – hast Du von denen je wieder was gehört, haben die während all der langen Monate hier irgendwas für Dich in der Stadt organisiert, irgendeine Diskussionsveranstaltung mit einheimischen Schreibern? Okay, nicht dass es Dir wichtig wäre. Aber ich, hör zu, ich wäre gern mal zu so was gekommen. Schon um im Publikum zu sitzen und den Hornbebrillten da oben was zu sagen.

Wäre nämlich – Wetten, Kumpel, aber jetzt erstmal Prost – bestimmt wieder so eine Gute-Menschen-Veranstaltung geworden: Besorgte Intellektuelle, gerade zurück vom Italien-Urlaub und nun schon wieder ganz superkluge Leser all ihrer eigenen besserwisserischen Gazeta Wyborcza-Artikel, beim gemeinsamen Jammern über die Warschauer Regierung. De-mo-kra-tie in Ge-fahr! Haben damit vielleicht sogar Recht. aber... ABER! Aber all die junge Leute, die dann währenddessen die Wassergläser oben auf dem Podium nachgegossen hätten oder als lächelndes Dekor am Eingang platziert worden wären: Leute wie ich, die mitunter drei Jobs machen müssen, um durchzukommen oder – was für ein gottverdammter Skandal – noch 27 Jahre nach dem Ende des Kommunismus ins Ausland auswandern müssen, weil ihre so gaaaanz toll europäisch-weltoffene Heimat keine ausreichende Lebensbasis bietet. Von wegen `Zauber der Mobilität´ und so´n Scheiß.


Haben´s sozial;verkackt, die Liberalen von der PO und sollten sich also jetzt besser mal an die eigene Nase fassen und rot werden vor Scham. Schreibst Du´s irgendwann auf, was ich so erzähle, da ich´s ja doch nicht vor richtigem Publikum sagen kann? Zensieren wird man Dich ja wohl nicht, oder? Ist ja nur ´n Blog, den eh keiner liest und nicht etwa staatliches polnisches Fernsehen, haha.

Gut, ich vertrau drauf, weißt Du? Im übrigen solltest Du dem Schicksal oder den Genen oder was weiß ich mal so richtig danken: Wärst nämlich genau so ein schwadronierender Arsch wie all die anderen, würde Dich nicht retten, dass Du ein geborener hunter bist, naughty one. Statt irgendwelcher nicht stattfindender Schriftsteller-Debatten dann eben in Deinem Cactus-Club rumhängen und real people treffen, denen Du die richtigen Wroclaw-Stories verdankst. Leute, die sogar noch glauben, Du seist zehn oder fünfzehn Jahre jünger – ha! Außer eben den ganz Cleveren wie mir, wenn sie Deinen Blog lesen und das Geburtsdatum checken, haha. Klar bin ich clever! Hat mir damals schon dieses Pärchen in Bochum verklickert, als ich dort eben nicht nur bad things durchgezogen habe, sondern vom ersparten Geld zu Volkshochschul-Kursen hin bin, damit´s bei der Rückkehr nach Polen bessere Chancen für´n Wochenend-Studium gibt. Hey, natürlich Rückkehr! Unterschätz´ nie das Heimweh der Polen, das sag´ ich Dir.

Und hab ich´s geschafft oder nicht, dort in Bochum? Na also. Sie war ´ne ukrainische Nutte, ihr Typ ´n deutscher Tätowier-Freak, und  als ich von da irgendwann per Bus wieder weg bin, hatten sie beide Tränen in den Augen – stell dir vor. Sogar die marokkanischen Stricher und die libanesischen Drogendealer, na ja, die waren vielleicht nicht so nah am Wasser gebaut, sondern nur verblüfft, dass... Dass man´s schaffen kann, Mann! Auch ohne Bafög und `Studienstiftung des deutschen Volkes` und solches Zeug. Auch ohne polnisch-liberale Fettpolster-Papas- und Mamas. 

Hab dir ja beim letzten Mal erzählt, was mit meinen Alten passiert ist. Hatten sich beide zu Tode gesoffen, und als Du da so gaaaanz betroffen geguckt hast, hab ich nur gelacht und dir von den Großeltern erzählt – haben mir schließlich deutsch beigebracht. Na ja, vielleicht nicht gerade dieses deutsch,Mix aus Gosse und Uni. Wie Du mich gefragt hattest, woher ich käme. Nicht aus Wroclaw, eher hoch Richtung Poznan. An der Zugstrecke?, hattest Du weitergefragt und erneut groß geguckt, als ich Dir sagte: Hör mal, an dem Kaff, wo ich herkomm´, führt nicht mal ´ne Busstrecke vorbei – ha! Da tagen keine Intellektuellen, da gibt´s keine Installationen zum Kulturhauptstadtjahr – höchstens eins in die Fresse, wenn einer vom Nachbardorf unsre Mädels  zu lang anschaut – so ist das. Außerdem: Solche Geschichten hörste eben nur dann, wenn Du nicht dauernd aufm Rynek herumläufst und Dich an europäischem Flair aufgeilst. Ganz und gar nicht, Kumpel.

Nein, was ich da in Bochum gemacht hab´, geht nicht mal Dich was an. Aber guck mal: Zweiundzwanzig Jahr, blondes Haar – fast wie in diesem alten Udo-Jürgens-Song. Dazu noch Grips, Muskeln und blaue Augen! Der wahre Arier war eben schon immer ein Slawe, haha... Kannst Du Dich an den großen Bauernbengel in Gombrowicz´ Pornographie erinnern, den die beiden Säcke aus Warschau unbedingt mit der Hofmagd verkuppeln wollten? Als ich´s das erste Mal gelesen hab, dachte ich Wow, that´s me. Vom Äußerlichen, mein ich, denn dem Typen fehlte es dann doch ziemlich an Hirn, oder? Na gut, these were the days in Bochum... Man arbeitet halt mit dem, was man hat, aber wichtig ist, da wieder rauszukommen, verstehst du? Nein, lass´ diese lächerlichen Münzen stecken, die Wodka-Phase ist over, jetzt gibt´s Whisky-Coke und wenn Du noch Energie hast, erzähl ich dir, wie ich hier mein Studium finanzier´. Hör gut zu, handelt nämlich von Deinen Landsleuten – oder den spacken Typen, die in der Bar Barbara rumhängen an ihren verdammten Laptops. Ready

Okay... Der Knochenjob bei McDonalds. Den Stress kannst Du Dir ja wohl vorstellen, in jeder Stunde, jeder Minute. Nehm´s wörtlich, Mann! Es gibt da die sogenannten ´secret visitors´, die tauchen mindestens zweimal pro Monat in jeder Filiale auf, um heimlich zu prüfen, ob jeder Bestell- und Verkaufsvorgang nicht länger als maximal vier Minuten dauert. Normalerweise kommen sie allein und sind sehr aufmerksam, so dass wir unter uns Kollegen schnell heimliche Zeichen austauschen können. Zu blöd nur, dass inzwischen fast jeder in der Warteschlange auf sein Smartphone glotzt und ein potentieller Spitzel sein könnte, denn natürlich sehen wir hinter dem Tisch nicht, ob er gerade seine Mails checkt oder etwas soooo Lustiges auf Facebook postet – oder nicht doch die Minuten auf dem Digital-Monitor zählt, während derer er vorrücken kann.

Das Schlimmste: Die rekrutieren diese Schweine aus unserer Generation, würdelose Youngsters, die alles machen – alles, sogar in diesen ausgesourcten Unternehmen ihre Altersgenossen bespitzeln. Hätten sich meine Alten nicht zu Tode gesoffen – Prost!- würde ich Dir jetzt ganz pathetisch in die Augen schauen und fragen: Sind  unsere Vorfahren etwa deshalb protestierend auf die Straße gegangen, damit wir jetzt schon wieder Bespitzelungsängste und Existenznot durchleben? So aber sag ich Dir nur, und das wäre der Ausgleich für all die free drinks heute Nacht: Schreib darüber!


Und darüber, wie´s den polnischen Billigarbeitern bei Amazon geht, vor den Toren der Stadt, weit-weit weg vom schicken Rynek. Und wie die deutschen Streikenden bei Amazon ihre polnischen Kollegen `Streikbrecher´ nennen und wie dieses ganz verdammte Netz geknüpft ist, von dem nur ein paar Idioten glauben, es ließe sich mit irgendwelchen blöden Antikapitalismus-Sprüchen zerreißen. Hast Du eine Idee?

Ich jedenfalls schon mal nicht. Steh´ wochentags an der Kasse und gucke, ob einer dieser Wichser vielleicht grade Runde in unserer Filiale macht. Oder ob irgend so ein super-liberaler, super-umweltbewusster Bar Barbara-Schnösel hereingekommen ist oder eines von diesen verlotterten deutschen Jutesack-Touri-Pärchen, wo Du nie weißt, wer von denen ist nun Mann oder Frau.

Sind die Burger-Brötchen gluten-frei? Haben Sie auch Laktose-Freies im Angebot? Do you have vegetarian meals? Or maybe vegan meals? Stell Dir vor: Bei MacDonalds´s! Am liebsten würdest Du sie totschlagen und deshalb – auch deshalb, schreib´s verdammt noch mal irgendwann auf, okay – wählen auch Jüngere PIS, nicht nur irgendwelche verstockten Alten. Inzwischen was kapiert?

Das Schlimmste bei all dem aber ist, dass diese Typen mit ihren Vegan-Fragen Dir derart die Zeit stehlen, dass Du ins Schwitzen kommst und sofort über ihre Hängeschultern guckst, ob hinter ihnen nicht vielleicht gerade wieder so ein ´secret visitor´ steht, um aufzuschreiben, dass Posten Nr. Soundundso in Filiale X um diese oder jene Zeit das befohlene Minutenmaß überschritten hat. Vorgesetzten-Gespräch, Lohnkürzung, im härtesten Fall Entlassung.

Wobei das Übelste ja schon zuvor passiert. Diese verdammte Angst, diese Ohnmacht. Sommer 2016 in der Europäischen Kulturhauptstadt, Rapport von einem, der 22 ist. Und von wegen – Beste Jahre, kurwa!  Ist zwar auf dem ganzen Globus genau so, aber hier – hier, verstehst Du – haben sich die Leute früher einmal den Arsch aufgerissen und haben Miliz und Militär und Spitzel weggebrüllt oder weggelacht! Und jetzt? Ist inzwischen nur noch Lächeln, mega-tolerant und zum Kotzen. Schreib´s auf, hoffentlich regt´s einen auf von der ganzen Bande. So, und nachdem ich Dir diese Stories geschenkt habe, zahlst Du die letzte Runde."

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5 Kommentare:

rjz hat gesagt…

Ziemlich flache Mystifikation.

Anonym hat gesagt…

Czemu nie ma polskiego tłumaczenia??

Utz Rachowski hat gesagt…

Ich finde den Beitrag super und direkt aus dem Leben, viele meiner polnischen Freunde denken - und reden - ebenso, wie es Marko Martin dem jungen Mann von den Lippen abgenommen hat! Meine Frage ist auch: Wo ist denn die polnische Übersetzung des Textes?
Czemu nie ma polskiego tłumaczenia??
Die Polen sollen doch lesen können, was Polen denken?!
Utz Rachowski (Schriftsteller/Pisarz)

Anonym hat gesagt…

Wurde von offizieller Seite mal begründet, weshalb die polnische Übersetzung Deines Beitrags nicht vorliegt?

Deutsches Kulturforum östliches Europa hat gesagt…

Aufgrund von Urlaub und Krankheit gab es bei uns Ende letzter Woche einen personellen Engpass. Wir veröffentlichen nun nach und nach die Übersetzungen der letzten Einträge im polnischen Blog. Link zur polnischen Version dieses Beitrags:
http://pisarz-miejski-wroclaw.blogspot.de/2016/08/prosto-z-mostu-bez-cenzury.html

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