Mittwoch, 14. September 2016

Der Stadtschreiber sagt Danke (II)


Die fünf ereignisreichen Monate in Wrocław/Breslau enden auf höchst ambivalente Weise, und vielleicht ist das auch gut so: Nur  keine Idyllen-Pinselei im gegenwärtigen Europa!

Doch wie nobel war die Absicht der Ausstellungsmacher gewesen, in der Fußgängerzone der Ulica Świdnicka in Schautafeln an den antikommunistischen Freiheitskampf der achtziger Jahre zu erinnern. Hatte man die Rechnung ohne die Freiheitsfeinde von heute gemacht? Über Nacht hatten Extremisten die großformatigen Fotografien beschmiert und – in denunziatorischer Absicht – auf die Stirn von Lech Wałęsa den Davidstern gekritzelt. Auf diese Weise ebenfalls gezeichnet wurden die legendären Wrocławer Solidarność-Aktivisten Władysław Frasyniuk und Józef Pinior. Frasyniuk, der in den Jahren des Kriegsrechts der Verhaftung entwischte und den Widerstand aus dem Untergrund heraus organisierte, und Pinior, legendärer Schatzmeister der niederschlesischen Solidarność, der in einem Meisterstück das Gewerkschaftsgeld vor dem Zugriff der staatlichen Repressionsorgane gerettet und beim hiesigen Erzbischof deponiert hatte! 




Auf einer daraufhin zusätzlich aufgestellten Tafel fragten die Organisatoren nach den Gründen dieses Hasses – auf eindringliche, zivile Weise. So wie sich auch im gegenwärtigen Polen bestätigt, was einmal mein alter Freund Ralph Giordano sagte: „Der Hass ist immer auf Seiten der Täter …“ Denn wie bellten sie dann die üblichen „Volksverräter!“-Slogans in ihre Megaphone, jene extremistischen Wałęsa-Hasser, die sich am letzten Freitag nahe der Universität versammelt hatten, um gegen eine Diskussionsveranstaltung mit dem Friedensnobelpreisträger zu protestieren!

Messerdünne Jüngelchen mit schwarzen Krawatten und Armbinden-Symbolen, die ans Hakenkreuz erinnerten, dazu Alte mit Bierwampe – einer von ihnen auch jener Nazi, der vor einiger Zeit mitten auf dem Rynek eine Puppe verbrannt hatte, die einen Juden darstellen sollte …

Aber drinnen im Saale – welch gute, humane Gestimmtheit. Selbstverständlich standing ovations, als schließlich der Held meiner Kindheit und Jugend aufs Podium stapfte, aber keinerlei Hysterie und die öffentliche Aussprache über die gegenwärtige, von der Warschauer Regierung hauptverantwortete Verdächtigungs-Atmosphäre bei aller Besorgnis gelassen und souverän. Und Wałęsa? Machte ein paar Bemerkungen über Kaczynski, verzichtete jedoch auf jegliche Dämonisierung und Apokalyptik: „Vor dreißig Jahren war´s doch viel schlimmer, oder? Und wir haben schließlich trotzdem gesiegt!“ Und als unter dem Ansturm der Publikumsfragen die Saalmikrofone zu krächzen beginnen: „Leute, ich glaub´ fast, Ihr braucht ´nen Elektriker …“






Und wer übersetzte auch das, während der ganze Saal in frohgemutes Lachen ausbrach? Małgorzata Słabicka, während fünf Monate diejenige, die das Sprachfenster dieses Blogs nach Wrocław geöffnet hatte. Wobei sie nicht nur meine ellenlang mäandernden Sätze skrupulös ins Polnische übertrug, sondern auch derart aufmerksam war, im deutschen Original-Text mal dort ein fehlendes Komma, mal da einen abhanden gekommenen Buchstaben zu erspähen. Tausend Dank & Dziekuje, liebe Gosia! (Auch wenn wir, wegen des Schweigens der hiesigen Kulturinstitutionen, uns oftmals fragten, ob wir wohl die einzigen Leser der Texte wären – bis dann zahlreiche individuelle Feedbacks kamen, die erfreuten und erneut motivierten … Deshalb auch diesen Lektüre-Treuen in Polen und Deutschland ein ebenso von Herzen kommendes Dankeschön.)
Cheers !!




Natürlich auch ein großes Dankeschön meinem deutschen Stipendiumsgeber, dem Kulturforum östliches Europa – und dort vor allem André Werner, den Webmaster des Kulturforums und geduldigsten Beantworter auch noch meiner nervendsten Fragen, sobald mich wieder einmal das Digitale zu überfordern drohte;-))

Die Stipendiaten-Wohnung, wo diese Texte entstanden, wurde zur Verfügung gestellt vom hiesigen Künstleraustauschprogramm A-i-R-Wro, das – eine löbliche Aktivität – mich Mitte April zu einem Welcome-Dinner in ein Rynek-Restaurant eingeladen hatte, wo die Angehörigen dieser Institution begeistert Speis und Trank zusprachen und mitunter sogar die eine oder andere Frage an mich richteten. Amüsanter das Nachfolgende, traf ich doch in den Wochen darauf im berühmt-berüchtigten Cactus Club immer wieder jüngere Zeitgenossen, die mich mit Gratis-Wodka, bester Laune und geradezu irrwitzigen Geschichten versorgten, die vielleicht ja später einmal erzählt werden …

Entscheidend aber vor allem die Begegnungen mit Menschen, die das Bild dieser im wahrsten Wortsinn europäischen Kulturstadt geprägt haben – seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit langem Atem und Emphase statt „Project-speech“. Da wären etwa der stets gut gelaunte Stadthistoriker Maciej Łagiewski, dem die Wiederentdeckung und neue Wertschätzung des deutschen Kulturerbes maßgeblich mit zu verdanken ist. (Weshalb er von hiesigen Ultranationalisten – feindlichen Zwillingsbrüdern der inzwischen auch in Deutschland frustriert herumtobenden Wutbürger – mitunter so manche Invektive zu hören bekam.)




Da wäre natürlich die jüdische Norwegerin Bente Kahan, deren helles Lachen ich noch jetzt im Ohr habe – und welche Freude, ihr in Abständen immer wieder begegnet zu sein – die mit ihrer Stiftung nicht nur die Synagoge Zum weißen Storch als Erinnerungsort wieder zum Leben erweckte, sondern auch half, das jüdische Leben in Wrocław zu revitalisieren. (Kein Zufall, dass ihr polnischer Ehemann Alexander Gleichgewicht, ehemaliger Solidarność-Aktivist und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, einer der ersten war, die an der neuen Stellwand in der Ulica Świdnicka ihre Meinung kundtaten. eine pointierte Kampfansage gegen das Bigotte und gefährlich Lächerliche der gegenwärtigen Hass-Kampagnen.)




Nicht zu vergessen die junge Katarzyna Kurzynoga, die im ehemaligen legendären Oppenheim-Haus am Plac Solny interessierten Besuchern zeigt, wie liebevoll und detailklug Architekten aus einer Beinahe-Bauruine peu á peu ein Begegnungszentrum machen (www.openheim.org)

Stimulierend auch jedesmal der Austausch mit Krzysztof Ruchniewicz vom Willy-Brandt-Zentrum, das sich in einem lauschigen Winkel hinter der Oder befindet, ein Ort voll good vibrations und moderatem Diskurs statt eiferndem Gebell.




Und natürlich wäre da noch Frau Renate Zajączkowska von der Deutschen Sozial-Kulturellen-Gesellschaft, der Organisation der deutschen Minderheit in der Stadt. Als ich die rüstige und vor allem schlagfertige ältere Dame vor ein paar Tagen besuchte, um nachträglich zu ihrem 85. Geburtstag zu gratulieren, zeigte sie mit berechtigtem Stolz auf die zwei gerahmten Gratulationskarten – die eine von der Kanzlerin, die andere vom Bundesaußenminister. (Nebenbei bemerkt: Zwei Politiker, deren Parteien von den Hetzern auf der deutschen Seite der Oder nun bereits seit Monaten mit dem Nazi-Wort „Systemparteien“ belegt werden.)

„Wissen Sie was?“, sagt Frau Renate, deren Frisur auch an diesem Büro-Nachmittag perfekt gewellt ist, „wenn ich an das Elend der 1945 vertriebenen Deutschen denke, wenn ich dann nicht schlafen kann in Erinnerung an Dinge, die ich Ihnen lieber nicht erzähle, wenn all das wieder mal aufsteigt und Bitternis zu verursachen droht … Wissen Sie, was ich mir da sage? ‚Scheiß drauf‘, sag´ ich mir, wälz‘ die alten Dinge nicht dauernd hin und her, sondern sieh zu, dass Deine deutsch-polnischen Enkel weiter in Frieden und Harmonie aufwachsen können. Alles andere führt nämlich zu nichts …“

Welches Schlusswort wäre passender? Zeit für den Stadtschreiber, Adieu, czesc und allen Beteiligten nochmals Dank zu sagen und weiterzuziehen, denn gerade ist ja auch das neue Buch herausgekommen …



„Babylon“ ist hier freilich nicht nur Metapher für das Faszinosum der ethnisch gemischten großen Städte, sondern auch ein freundlicher Ort auf Long Island, den ich einst von einem afroamerikanischen Schaffner in gutturalem englisch hatte ankündigen hören: „Change the train in Babylon“. Während ich inzwischen jedoch an etwas Zusätzliches denken muss: Denn wie wacker dirigierte Frau Ewa Michnik Verdis „Nabucco“ mit der berühmten Gefangenen-Arie, als ich letzten Sommer das erste Mal hierher kam – noch nicht wissend, als ich in der Pause auf dem Balkon des Opernhauses stand, dass mich schon ein Jahr später mein täglicher Stipendiatengang genau hier vorbei führen würde. Ab jetzt also: Wrocław/Breslau on my mind.   

Auf Wiedersehen / Do Widzenia !
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Sonntag, 11. September 2016

Der Stadtschreiber sagt Danke (I)

Zeit, eine Art Resümee zu ziehen: Auf wessen breiten Schultern man stehen und schreiben darf (sogar eine solch verrutschte Metapher). Besser: Welche Bücher und Begegnungen entscheidend waren für die letzten fünf Monate einer ereignisreichen Stadtschreiber-Zeit, die sich nun ihrem Ende nähert.

Das allererste Breslau/Wrocław-Buch, bereits im Zug gelesen: Berlin-Poznań-Wrocław Główny. Roswitha Schiebs Literarischer Reiseführer Breslau, der mir im Sommer 2015 ja erst den Gedanken eingegeben hatte, mich für dieses Stadt-Stipendium zu bewerben. Eine bislang mir fremde Stadt, die sich lange vor Ankunft am Hauptbahnhof plötzlich offenbarte als Geburtsort oder erste Heimat der Vertrauten aus so vielen Lektüre-Stunden zuvor. Gerhart Hauptmann, Norbert Elias, Fritz Stern, Günther Anders, Walter Laqueur. Und natürlich: Das Wrocław von Tadeusz Różewicz!


Von all dem war in diesem Buch die Rede, detailliert mit Zitaten und sogar Angaben der Hausnummern der ehemals deutschen Straßen. Dazu – ein wenig später, ich war nun schon in der Stadt, saß auf dem Balkon meiner Stipendiatenwohnung vis-á-vis des RENOMA (ehemaliges Kaufhaus Wertheim) – der ebenfalls von Roswitha Schieb geschriebene Band zu den hiesigen Kulturdenkmälern, all dies liebevoll ediert und herausgegeben vom Kulturforum östliches Europa, meinem Stipendiumsgeber.

Dazu die persönlichen Begegnungen, die an zusätzliche Bücher heranführten (und neue Entdeckungen). Bereits im April unterwegs mit dem Journalisten Peter Pragal, der Ende der dreißiger Jahre in Breslau geboren wurde, gegen Kriegsende mit der Mutter flüchtete und darüber ein präzises Erinnerungsbuch geschrieben hatte, fern jeglicher Larmoyanz. „Wissen Sie, was mit den Ausschlag gegeben hatte, nun quasi im Herbst meines Lebens diese Erinnerungen aufzuschreiben?“

Peter Pragal, Jackett über den Unterarm gelegt, war auf dem Weg zur Oderinsel plötzlich stehen geblieben und hatte in die Sonne geblinzelt. „Heinrich Albertz´ Buch von 1985! Die Reise. Vier Tage, siebzig Jahre …“ Damals hatte sich der 1915 in Breslau geborene ehemalige Regierende Bürgermeister von Westberlin für vier Tage ins polnische Wrocław aufgemacht – voll berechtigter Scham über die Verbrechen oder das Schweigen seiner Generation. Peter Pragals Schlesien-Buch geht freilich über die linksprotestantische SPD-Perspektive des skrupulösen Pfarrers Albertz hinaus – zum Glück, denn so detailliert-kritisch dieser sogar die allzu wenigen und zaghaften Anti-Hitler-Christen beschrieb, so undifferenziert paternalistisch fiel dessen Urteil über das Polen der achtziger Jahre aus. (Dass das KP-Regime „verzweifelt“ versuche, die Wirtschaft in Gang zu bringen, der „wöchentlich wohlgenährter wirkende Wałesa“ jedoch weiter zu Streiks aufrufe, was aber hauptsächlich Ronald Reagan und der bundesdeutschen Rechten gefalle und ähnlicher Humbug, wie er damals selbst im nicht-kommunistischen, linksliberalen juste milieu Westberlins verbreitet war.)

Dann natürlich: Norman Davis´ Ziegelstein-Biographie Breslau – Blume Europas – quasi von der Urzeit bis ins Jahr 2000, eine angelsächsische Geschichtsschreibung at it‘s best, die sich nationalen Aufrechnereien und ideologischen Reduzierungen verweigert. ( Eine Herausforderung freilich, auf dem schmalen Baststuhl des Apartment-Balkons dieses 700-Seiten-Werk so zu balancieren, dass einem nicht alle fünf Minuten der Wadenkrampf packte …)

Vor allem aber: Bücher, die von der Fragilität und Vorläufigkeit unserer Existenz berichten, vom Kippen der sogenannten „gesellschaftlichen Zustände“, ehe aus Rauchsignalen Feuersbrünste werden. Und was für ein Glück und Privileg, die Zeugen solcher Brüche noch persönlich zu erleben …

„Ich bin gerade im Garten“; sagt Renate Lasker-Harpprecht am Telefon, „hier unten in Südfrankreich macht uns die Hitze besonders zu schaffen, und ich muss auf die Blumen acht geben. Zum Glück habe ich das Telefon bei mir, und ich geh´ jetzt mal schnell ins Haus, damit Sie mit Klaus sprechen können …“ Die Stimme der inzwischen weit über Neunzigjährigen klingt lebendig und frisch und kommt aus dem gleichen Mund, der am 16.September 1942 Zyankali geschluckt hatte, auf dem Weg vom Breslauer Hauptbahnhof ins Gefängnisgebäude an der damaligen Graupenstraße, heute Ulica Sądowa.



Renates Schwester, die heute ebenfalls hochbetagt in London lebende Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, hat in ihrem Buch Ihr sollt die Wahrheit erben darüber geschrieben: Wie die zwei Lasker-Mädchen nach der Deportation ihrer geliebten Eltern plötzlich ganz auf sich selbst gestellt waren in diesem Waisenheim in der Wallstraße, heute Ulica Włodkowica. Wie sie die Zwangsarbeit in einer Papierfabrik dazu nutzten, französischen Kriegsgefangenen gefälschte Entlassungspapiere zu basteln – ein erfolgreiches Unterfangen, das Dutzenden dieser Malträtierten die Freiheit brachte.

Bis die Gestapo Verdacht schöpfte und die zwei Mädchen den tollkühnen Versuch wagten, mit ebenfalls gefälschten Papieren zu fliehen, doch bereits am Hauptbahnhof (dem heutigen Wrocław Główny) verhaftet wurden. Die für diesen Fall bereit gehaltenen Zyankali-Kapseln aber waren von einem guten Freund zuvor heimlich ausgetauscht worden, so dass die beiden schließlich nur Puderzucker schluckten, was ihnen das Leben retten sollte – vorerst. Renate und Anita, die dann im Gefängnis – längst als Jüdinnen identifiziert und mit weit Schlimmeren als Haft rechend – „wohl hundertmal am Tag auf die Turmuhr schauten“, da aus ihrer Gefängniszelle heraus. (Unmöglich, am noch heute dort präsenten, wuchtigen Gebäude an der Ecke Podwale/Sądowa vorbeizulaufen, ohne an die Todesfurcht der beiden Lasker-Mädchen zu denken.)

Und wurden dann, im Dezember 1943, zurück zum Bahnhof gebracht „und wir fuhren ab: Richtung OSTEN. Wir kamen in Auschwitz-Birkenau am Abend an …“ Und überlebten dennoch, wider alle Wahrscheinlichkeit. Anita als Angehörige des sogenannten „Lagerorchesters“, die im Inferno Cello zu spielen hatte, Renate unter dem Schutz ihrer Schwester. Überlebten die nachfolgende Deportation nach Bergen-Belsen, überlebten Hunger und Typhus. Wurden nach dem Krieg von der Französischen Republik für ihre Aktivitäten ausgezeichnet, vollbrachten das Wunder, dass ihr Überleben schließlich wieder zu Leben wurde.

„Gleich ist es soweit“, sagt Renate Lasker-Harpprecht am Telefon, „ich bin schon im Haus und reiche den Hörer mal an Klaus weiter …“ Ihr Ehemann Klaus Harpprecht, Jahrgang 1927, Publizist, Buchautor, ehemaliger ZDF-Korrespondent in Washington und Verleger, vor allem aber einst Redenschreiber und enger Vertrauter von Willy Brandt, sagt mit ebenso neugiersfrischer Stimme: „Scheint mir interessant zu sein, dieses Stipendium in Wrocław. Da gibt´s doch auch dieses Willy-Brandt-Zentrum, und nach allem was ich lese und höre, soll dessen Direktor eine wirklich formidable Arbeit machen. Na, den Willy würde es bestimmt freuen.“ Formidabel, sagt mein ehemaliger Verleger, der längst zum guten, großväterlichen Freund geworden ist; formidabel und der Willy. Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, Intellektueller voller Empathie. „Besuchen Sie Renate und mich bald hier unten am Meer, wir werden ja nicht jünger …“ Seit über sechs Jahrzehnten sind die beiden ein Paar. Solche Menschen, solche Biographien!
Und in Israel zeigte mir Tamar Cohn-Gazit die geretteten, nun sogar auf hebräisch übersetzten und edierten Tagebücher ihres Großvaters Willy Cohn, erschossen in Kaunas im November 1941.



Diese Tagebücher des Breslauer Historikers, die ich auf den Parkbänken zwischen Oper und Neuem Musikforum las, im Japanischen und im Botanischen Garten. Bücher, die die Stadtwahrnehmung grundierten, nicht kulturbeflissen verhübscht, eher beunruhigend. So wie es ist, muss es nicht bleiben, Zivilität ist ein dünner Firnis nur.

Stilistisch am eindringlichsten wohl hat dies (und damit schließt sich der Kreis, denn die Entdeckung dieses Buchs verdanke ich wiederum einer Passage in Roswitha Schiebs literarischem Reiseführer) der Philosoph Günther Anders beschrieben, in seinem Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966.

Der 1933 aus Nazi-Deutschland emigrierte Günther Stern, der sich späterhin „Anders“nannte, Ex-Ehemann von Hannah Arendt und einer der wichtigsten Denker der damaligen Zeit, war in jenem Jahr 1966 ins nunmehr polnische Wrocław zurückgekehrt, voller Erinnerungen an das weltzutrauliche Kind, das er einst war – geboren 1902 in einem kaiserlichen Breslau, in dem alles noch in Ordnung schien.

Ein Buch, randvoll inzwischen von meinen Notizen, denn man möchte zitieren und zitieren, all diese präzisen Beobachtungen in wunderbar nuancierter Sprache – ganz so, als wäre Marcel Proust auferstanden, bereichert allerdings um politisches Bewusstsein, geschichtsphilosophische Reflexion und zeitdiagnostische Schärfe. Karussell und Palimpsest der Zeiten – 1902, 1933, 1966 – und nun in diesem Spätsommer 2016 gelesen und dennoch keinen Schwindel verursachend, sondern Klarheit schenkend: Die Gegenwart von heute ist bereits im Moment des Beschreibens Vergangenheit – und Zukunft keine Garantie fortgeführten Friedens.

Breslau/Wrocław und solche Art Bücher: Unschätzbare Lektionen, denen nicht auszuweichen ist.
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Mittwoch, 7. September 2016

Herr Orski gibt nicht auf. Über Zensur, die Charakterlosigkeit freundlicher Opportunisten – und den langen Atem der Dichter und Intellektuellen. Ein Besuch bei der legendären Literaturzeitschrift ODRA.




„Zensur“, sagt der 1943 in Lwiw (Lemberg) geborene Mieczysław Orski, Urgestein und Chefredakteur der längst legendären literarischen Monatszeitschrift ODRA, „kommt allen romantischen Grusel-Phantasien zum Trotz nicht etwa als inquisitorischer Sturm daher, sondern als feines Rieseln des Opportunismus und vorauseilenden Gehorsams. Lüge und Wahrheit gemischt, Plausibles und Erfundenes: ‚Ein wichtiger Text, aber bei der gegenwärtigen Papierknappheit … Leider war der zuständige Kollege im Urlaub und inzwischen ist Ihr Beitrag leider nicht mehr aktuell … Aber gewiss doch haben wir das Gedicht abgedruckt, und nur aus Platzgründen ist es auf die hinteren Seiten gerutscht.‘ Wenn solche Landsleute, deren Karriere auf Fleiß, Stille und Verlässlichkeit nach oben aufgebaut ist, ein perfektes Sensorium haben, dann dieses: Ärger mit den Vorgesetzten vermeiden, jegliche Entscheidung mittragen, immer freundlich lächeln. Und die ironische Volte: Oftmals sind diese Männer und Frauen ja auch ganz freundlich, in all ihrer Durchschnittlichkeit durchaus kultiviert und konziliant – bis sie eben von einem Obertier ein Signal bekommen und dann wieder buckeln in all ihrer freundlichen Charakterlosigkeit.“

Spricht Herr Orski – penibel grau gescheiteltes Haar, korrekt gebügeltes kurzärmeliges Hemd – von seinen Erfahrungen im kommunistischen  Polen (wo man ihn bis ´89 mit Argusaugen beobachtet hatte), von der gegenwärtigen PIS-Regierung (die ebenfalls keine allzu großen Sympathien für die Zeitschrift hegt) – oder gar von den Event-Machern im gegenwärtigen Kulturhauptstadt-Jahr, die in diesem Sommer zwar kostspielige „UNESCO-Welthauptstadt des Buchs“-Festivitäten durchzogen, aber die bereits 1961 (sic!) gegründete Intellektuellen-Zeitschrift ODRA völlig ignorierten?



Es geht ineinander über, denn die Charaktere an den jeweiligen Schaltstellen gleichen sich (sonst wären sie ja auch nicht dort gelandet). Was jedoch beinahe entscheidender ist: Mieczysław Orski lässt keine wütende Suada vom Stapel, sondern eine fein schraffierte, von mitfühlender Verachtung durchzogene Beschreibung eines Biotops, das ja auch mir nicht unbekannt ist: Weder vor ´89 in der DDR noch danach im Westen. (Und fast hat man den Eindruck, dass nicht etwa moralischer Furor die Rede des versierten Zeitschriftenmachers grundiert, sondern die Freude an der detail-genauen Darstellung, als gelte es zu sagen: Seht mal her, all Ihr leisen oder lärmigen Projektemacher, Ihr schamlosen Subventionsjäger und grauen Eminenzen – eventuell habt Ihr ja temporär ein winzigkleines Zipfelchen der Macht erhascht, wir aber haben unsere Fähigkeit zur präzisen Beschreibung Eures Tuns und Seins, und die ist ewig, weitergegeben von Generation zu Generation. Intellektuelle Arroganz? Wenn ja – why not?)

In dem Rynek-Häuschen zwischen Ring und einer der lauschig schmalen Rathaus-Passagen herrscht jedenfalls kein mürrisches Grummeln, sondern freudige Betriebsamkeit – immerhin muss, quasi wie seit Urzeiten, auch jetzt die nächste Monatsnummer rechtzeitig fertig werden. In Stil und Layout etwa vergleichbar dem „Merkur“, hat ODRA eine Auflage von 2.000 Exemplaren (was viel ist für eine Intellektuellen-Zeitschrift, die ja darüber hinaus meinungs-stimulierend auch viele sogenannte „Multiplikatoren“ erreicht) und wird seit langem vom „Institut des Buches“ gesponsert, das jedoch kürzlich einen neuen Direktor bekommen hat und wiederum vom Polnischen Kulturministerium …

Herr Orski sieht meine hochgezogenen Augenbrauen und sagt: „Nein, im Moment ist alles ruhig. Noch werden keine Subventionen gekürzt, noch mischt sich niemand in die Texte ein. Aber allein dass ich derlei betonen muss, zum ersten Mal seit 1989 …“



In der Tat ein Alarmzeichen. Andererseits: An ODRA – im kommunistischen Polen weder Samisdat-Zeitschrift noch parteitreues Verlautbarungs-Organ – hatten sich schon die damaligen Bonzen die Zähne ausgebissen. Erzwungene Chefredakteurswechsel, zeitweilige Schließung der Zeitschrift während des Kriegsrechts, dann sogar ein aufoktroyierter Chef, der vom Militär kam: „Aber gerade der war so froh, endlich von den Uniformen weg zu sein und nun in unseren Zimmerchen, voll mit Büchern und Manuskripten, arbeiten zu dürfen! Ein anderer, forscherer und härterer, hielt es in den ODRA-Redaktionsräumen gerade mal ein paar Tage aus – dann bekam er einen Herzschlag und wurde sozusagen in eine andere Welt expediert.“ 

Bei all dem aber lässt Herr Orski weder dröhnendes Lachen hören noch macht er Grimassen oder fischt nach Zigaretten: Nein, dieser Mann ist mit Sicherheit kein Bohémien, und wüsste man nicht um seine jahrzehntelange Zähigkeit im Dienste des freien Wortes, man könnte auch ihn beinahe für einen Bürokraten halten. (Wichtige Lektion deshalb: Habitus-Kritik immer danach, nie beim ersten Anschein, der täuschen könnte.) Auch die Tatsache, dass in ODRA die Gedichte von Adam Zagajewski (der in jungen Jahren sogar einmal kurz der Redaktion angehörte) erscheinen konnten, obwohl der Dichter damals längst im Pariser Exil lebte, wird in Mieczysław Orskis säuberlich aufgeräumten Arbeitszimmer nicht etwa als Schenkelklopf-Schnurre vorgetragen. (Welch ein Unterschied zu jenen halb-offiziellen DDR-Intellektuellen: Wie sie noch heute, inzwischen als lallende Greise, davon schwadronieren, wie sie einst missliebigen Kollegen ein wenig geholfen und die Partei ausgetrickst hätten – tatsächlich oder lediglich in der Erinnerung.)



„Ich möchte Sie nicht mit Details langweilen, aber Fakt ist, dass vieles, was in Warschau nicht erscheinen durfte, hier in Wroclaw bei uns in ODRA gedruckt wurde, ganz offiziell: Texte von Hanna Krall und Andrzej Szczypiorski, von Stanisław Lem und Ryszard Kapuściński. Dabei würde ich nie behaupten, dass wir besonders mutig waren oder gar derart im Fokus der Geheimpolizei gestanden hätten wie die Zeitschrift KULTURA im Pariser Vorort Maisons Laffitte.“

Apropos: Als ich Ende der neunziger Jahre eben dort die steinalten und doch so neugiers-jungen KULTURA-Macher traf, den noblen Jerzy Giedroyc und die wunderbare Zofia Hertz – deren Jahrhundertgesichter eine Karthographie der Zeit – da war doch die gleiche Atmosphäre gewesen: Die konzentrierte und dennoch entspannte Ernsthaftigkeit der Arbeit, Texte akquirieren, schreiben, redigieren, Überschriften und Zwischentitel überdenken … (Angesichts der existentiellen Wucht solcher Begegnungen: Kein Wunder, dass man ab da den eigenen Überdruss nur schwer kaschieren kann, wann immer man mit den Anderen konfrontiert ist, den mediokren Mitläufern, die Mieczysław Orski zu Anfang des Gesprächs so treffend beschrieben hatte.)

Und plötzlich ist da – im Vorraum mit einer Redaktionskollegin in sanftem polnisch flüsternd – noch eine weitere ODRA-Mitbegründerin, die bis heute an Bord ist: Urszula Kozioł, Dichterin des Jahrgangs 1931 und in ihrer souverän-ironischen Vitalität ebenfalls ein gefühltes Menschenleben jünger als all die pseudo-lässigen PR-Frauchen, die mitunter hier in der Stadt meine Wege gekreuzt hatten. Urszula Kozioł, die in einem nuancierten, auf sympathische Weise un petit peu altmodischen Französisch die deutschen Übersetzer ihrer Gedichte lobt, während ich mich sofort an einen ihrer Verse erinnere: „Umgangsformen habe ich nicht/ Umgangsformen will ich nicht haben/ es reicht, Umgangsformen bringen mich ins Grab.“



Dabei wirkt die gutbürgerliche alte Dame ebenfalls nicht wie eine laszive Bohémienne. Ähnlich wie bei Herrn Orski betrifft die Zurückweisung von „Umgangsformen“ wohl lediglich die Smalltalk-Routine der Opportunisten. „Besuchen Sie mich mal“, sagt Frau Kozioł zum Abschied, „auch wenn Sie dann eines Ihrer offiziellen Stipendiaten-Dinner verpassen.“ „Geh´ ich sowieso nie hin …“  „Bien, ce n´est pas une surprise, jeune homme.“

In dieser Gestimmtheit dann wieder die Treppen hinunter getrabt und auf den sonnenhellen Rynek hinaus getreten, in der Hand das neueste ODRA-Exemplar, ein Geschenk von Herrn Orski. Essays, anhand deren Titel ich die regierungskritischen Reflexionen zumindest erraten kann, Texte jüngerer Poeten und dann.. dieses kleine Schwarzweiß-Bildchen. Sechziger Jahre, ein Fluss (die Oder oder die Weichsel?), am Geländer eine Frau mit Minirock und hochtoupiertem Haar, vor ihr in lachender Pose kniend, die zusammengefalteten Hände auf Brusthöhe – ein etwa gleichaltriger junger Mann. Die Bildunterschrift informiert, um wen es sich handelt: Urszula Kozioł, adoriert von Zbigniew Herbert. Zauber und Dauer und Renitenz und Subversion von Geist und Poesie – allen Widrigkeiten zum Trotz. Immerdar, entgegen der Logik aller großsprecherischen Regimes, kleinlichen Kommissionen, Ministerien und Büros. Durch die Zeiten hinweg, stärker als jedes Hindernis – das freie Wort.  Pour toujours. For ever.    
        

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Sonntag, 4. September 2016

Neun Abende des Erinnerns und der Gegenwart: Auf dem Gelände des ehemaligen Freiburger Bahnhofs wird offenbar, was Kunst kann. 

Ein Portal, dessen Neonaufschrift auch nachts flimmert: Wroclaw Swiebodzki. Doch sieht man nur, was man weiß. Und selbst dann... Schwer vorstellbar, dass die rechts und links von Häuserzeilen flankierte Pforte einst den wohl wichtigsten Kopfbahnhof von Breslau präsentierte, eben jenen bereits Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Freiburger Bahnhof. Brachliegendes Areal, an dem sich einst Tragödien abgespielt hatten, jedoch auch vorsichtige Hoffnung keimte. Von hier wurden nach Kriegsende 1945 die ausgesiedelten Deutschen in Richtung Westen abgeschoben, hier aber kamen auch die polnischen Neusiedler an  beide Gruppen Schachfiguren auf dem Feld der (Welt-) Politik. 



Wie erweckt man einen solchen Ort für die Dauer von neun Vorführungs-Abenden wieder zum Leben, ohne dass es gewollt didaktisch wirkt? Ohne – dies vor allem die potentielle Gefahr, die der Berichterstatter zur Premiere ahnte – dass der Schicksalsort lediglich zur Kulisse einer jener hochfahrend-ambitionierten „Installationen“ würde, wie es in ganz Kultur-Europa mittlerweile Routine ist?

Die Sorge freilich war unbegründet, denn was am letzten Augusttag um 17 Uhr begann und am 10. September spätabends enden wird, war das Beste aus beiden Welten: Ästhetik und Politik. Geschichte und Gegenwart. Engagement  und künstlerische Innovation. Nicht zuletzt: Wut und Leichtigkeit.

Was ist da zu sehen? Zuerst einmal Karikaturen, die in einem Vorraum von der Decke baumeln. Nicht alle wirklich gelungen, doch dann: Ein subversives Meisterwerk nach dem anderen, denn im Backstage-Bereich eines zur Bühne umfunktionierten Saals hängen die großartigen Schocker des polnischen Zeichners Marek Raczkowski. Und wer tauchte plötzlich auf, nach einer kurzen Observation meines erfolglosen Versuchs, die Kommentarzeilen und Sprüche zu entziffern? Polnische Leserinnen meines Blogs! Fans vor allem jenes kritischen „Klartext-Monologs“, von dem sie mir lachend zuraunten, neue Freunde in den hiesigen Institutionen hätte ich mir dabei wahrscheinlich nicht gemacht... Perfekt zweisprachig sind sie und nun vor allem daran interessiert, wie meine Übersetzerin wohl jene rüde Bar-Sprache des Monolog-Textes übertragen hätte. Kein Zweifel, dass Frau Slabicka auch dies mit Bravour gelungen sein würde. Weshalb aber – unser aller etwas argwöhnische Frage – dauert es gerade bei diesem Text so lange, bis er auf der polnischen Site meines Blog erscheint, sollen etwa Polen nicht lesen, was Deutsche lesen? Aber Nein, das wäre ja ein ganz und gar abwegiger Zensur-Verdacht, eine paranoide Vorstellung – nicht wahr, nicht wahr? Also jetzt aber erst einmal: Ad hoc-Übersetzungen der Raczkowskischen Karikaturen-Sprüche!



„Schauen Sie mal, hier: Zwei Bayern beim Bier:`Ich würd ja gern rüber fahren und in Polen Land kaufen, hab´ aber Angst, einer von denen nimmt mir derweilen die Arbeit weg.´“ Und, noch einen Zacken schärfer: Antrittsbesuch von vier NATO-Militärs im "neuen" PIS-Polen. Flüstert der eine Einheimische angesichts der multi-ethnischen Abordnung: „Zumindest einer von denen ist weiß!“ Wispert sein Kollege zurück: „Ja, aber er ist Deutscher“. Haha...

Ein Deutscher ist – trotz des französischen Namens – auch der Regisseur Stephan Stroux, der diese gelungene Melange aus Ausstellung, Konzerten, Lesungen, Licht-Installationen und Freiluft-Theater konzipiert hat. Steht dann zu Beginn der ersten Konzerte denkbar unprätentiös, Mineralwasserflasche in der Hand, in der nun zur Bühne gewordenen ehemaligen Bahnhofshalle und erinnert an die Unbehaustheit des Individuums im Strom der Geschichte und Ideologien, spricht über das Wegtreiben oder Herbeiholen von Menschen im Dienste dieser oder jener „Sache“. Wer die üblichen Reden „politisch bewusster“ deutscher Künstler kennt und deren Hang zur Selbstgerechtigkeit, konnte an diesem Abend durchatmen: Stroux´ englisch ohne teutonischen Akzent, weder rhetorische Sprechblasen noch emotionalisiertes Auf-die-Tränendrüsen-Drücken. Lediglich, eingebettet in eine knappe Vorstellung des Projektes, der Hinweis, dass auch polnische Kollegen vom Teatr Polski da sein werden, mit ihren Protestschildern gegen den neuen, ihnen aufoktroyierten Intendanten, einen regierungsnahen Seifenoper-Schauspieler. (Was Stephan Stroux so detailliert aber gar nicht ins Mikrophon sagt, einem jedoch die Schauspieler in den Aufführungspausen mitteilen – mit der Bitte, ihren Protest in diesem Blog zu erwähnen.)


Dann: Ein erstes Konzert. Becircender, aufwühlender Reigen aus christlichem a capella-Gesang (vorgetragen von fünf wunderbaren jungen Leuten des Teatr Zar), jiddische Lieder von Bente Kahan und schließlich  ein das gesamte Publikum mitreißender Sufi-Tanz des seit sieben Jahren in Jelena Gora lebenden Ägypters Ibrahim Mahmoud. (Und auch da – wie um die Relevanz der völker- und religionsverbindenden künstlerischen Freiheit zusätzlich zu aktualisieren – diese Information in der Pause: Ursprünglich eingeladen war ein türkischer Künstler, dem jedoch das Erdogan-Regime den Reisepass verweigert hatte. Realität des Sommers 2016.) Und Kunst nicht als Einlullendes, sondern mit Widerhaken: "Das Schtedl brennt", singt Bente Kahan mit vibrierender Stimme, die transzendiert. Und waren einst - dieser  Gedanke jetzt hier, hier in Wroclaw – nicht nur russische Kosaken und polnische, litauische oder ukrainische Bauern, die über die Jahrhunderte hinweg die jiddischen Schtedl in willkürlichen Abständen immer wieder brennen ließen, sondern... Sondern auch jene deutschen Breslauer, die sich zur SS gemeldet hatten oder als Wehrmacht-Soldaten ihren Teil beitrugen zur versuchten Auslöschung des gesamten jüdischen Volkes.


Und nun: Dieses Lied, voll des Schmerzes, aber auch der Überlebenskraft der Augenzeugen! Und schließlich Ibrahim Mahmouds Tanz – ein Wirbeln und Stoff- und Körperkreisen und die zum Gebet erhobenen Hände nicht Unterordnung signalisierend, sondern Daseinsdankbarkeit! (Riesiger Applaus. Und danach – lustig zu beobachten – all die Sehnsuchtsblicke polnischer Frauen, die angesichts des nun wieder ganz westlich gewandeten, charmanten  Künstlers wahrscheinlich daran erinnert werden, wie sinnlich unbefriedigend es doch ist, in einem ethnisch homogenen Umfeld leben zu müssen anstatt im Vermischten.)


Danach, es ist nun schon dunkel geworden, ein gemeinsames Wandeln entlang der Bildschirme, die in einer weiteren ehemaligen Bahnhofshalle von den Schicksalen der gegenwärtigen Flüchtlinge Zeugnis ablegen: Nicht-Orte und Zwangs-Mobilität an Mittelmeer-Häfen, auf ungarischen und kroatischen Bahnhöfen, auf deutschen Busplätzen.

Schließlich draußen, längs der zugewucherten Gleise: Künstliche Sandspuren erinnern nicht an Beach-Fun, sondern an die Herkunft der Flüchtlinge von heute – jener Flüchtlinge, die Deutschlands AfD ebenso wenig "bei uns" haben möchte wie Polens PIS. In einer kleinen Sandburg steckt die Inschrift "Festung Breslau", Roma-Kinder tollen darin herum, denn längst hat – zur erneuten Überraschung des inzwischen Wein trinkenden und Fingerfood essenden Publikums – der letzte Teil des Abends begonnen, unter dem Titel „Dont be so sure that you are legal“: Und dies wiederum eher zur Beunruhigung der Sinne anstatt als blasses L´art pour l´art.


Flüchtende/Vertriebene/Ankommende auf die Innenwände des Bahnhofsgebäudes projiziert, Damalige mit Baskenmützen und Pappkoffern, dazu Heutige. Ein inquisitionsartiges Defilee mit dem Symbol eines brennenden Herzens erschließt sich nicht sogleich, erhält jedoch Sinn beim nachfolgenden Zwischen-den-Gleisen-Dialog: Menschen beim Streiten über "Identität", beim Propagieren oder Zurückweisen nationalistischer Schimären. Und noch immer, bis zuletzt: Nicht ein Hauch  jener politischen Korrektheit und Gratis-Empörung, die sich beim Weißwein goutieren ließe. Nichts davon an diesem Abend, der bis zum 10. September seine Fortsetzungen finden wird - in weiteren Aufführungen, Konzerten und Prosa-Lesungen, haben doch die Schriftsteller Olga Tokarczuk und Matthias Göritz extra eigene Texte für dieses Projekt geschrieben.


Man wünscht diesem hellwachen Zauber am ehemaligen Freiburger Bahnhof viele, viele Besucher.



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Samstag, 3. September 2016

Wahrnehmungen dies- und jenseits der Oder

Wow, das ging aber schnell: Kaum steht mein kritischer Essay zum deutschen Polen-Bild in der Welt, gibt´s auch schon ein polnisches Resümee. Bleibt zu hoffen, dass sich die von meiner formidablen Übersetzerin längst übertragenen letzten zwei Blog-Einträge nun (beinahe) ebenso schnell auf der polnischen Site meines Blog finden;-))

Was die Polen aus Deutschland nicht hören wollen
welt.de, 01.09.2016


Niemiecki pisarz Marko Martin apeluje do rodaków, by nie pouczać Polaków
wiadomosci.wp.pl, 02.09.2016
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Mittwoch, 31. August 2016

Zeugen Jehovas am Straßenrand. Eine glückliche Kindheitserinnerung zur Mittagszeit

Unwirtliche Straßenecke Swidnicka/ Pilsudskiego: Straßenbahnlärm, quietschende Autoreifen, vom Wind hochgewehter Trottoirstaub, Passantenstress. Eigentlich tauche ich dort nur auf, um mitunter in jenem netten, pieksauberen Büffet-Restaurant preiswert zu Mittag zu essen, polnischen Salat und asiatische Grillpfanne. Überquere ich danach erneut die Swidnicka,  steht da in dem Miniaturpark immer dieses Grüppchen adrett (das heißt rührend altmodisch im Stil der 80ger) Gekleideter, die den blicklos Vorbeieilenden ein freundliches Lächeln senden und aufmunternd auf die Zeitschriften weisen, die da in einer Art Gestell präsentiert sind: Siehe, da ist die gute Botschaft! Ich kann die polnischen Titel nicht lesen – und weiß doch sofort, um was es sich handelt: „Wachtturm“ und „Erwachet“ der Zeugen Jehovas. Auch wenn sie – nun doch der Mode folgend – den Namen der aus Brooklyn geleiteten Religionsorganisation nicht mehr sogleich vorzeigen, denn da ist jetzt ja nur dieses Kürzel jw.org. Aber klar doch: Jehovah´s witnesses! 



Und plötzlich, über die Jahrzehnte hinweg, wieder die Stimme meiner Großmutter, die letzten August hochbetagt im Alter von 89 Jahren verstorben war: „Hör mal hin, mein Markole, das sind die lieben Brüder und Schwestern aus Polen!“ Polnische Gläubige, in den frühen achtziger Jahren besonders herzlich begrüßt bei den Kongressen der Zeugen Jehovas in Westdeutschland, deren Kassetten-Aufnahmen danach auf verschlungenen Wege auch die damals illegal tätigen Gemeinden der Zeugen Jehovas in der DDR erreicht hatten. Und das Kind, das ich einst war, lauschte. Die lieben  Brüder und Schwestern aus Polen. Als beginnender Teenager schon langsam überdrüssig der Ge- und Verbote der Organisation, der ich schließlich 1986 den Rücken kehren würde. 

Aber... Aber schon damals, ungeheures Privileg, immunisiert gegen jenen üblen DDR-Rassismus, der gegen die Vietnamesen („Fidschis“), die Angolaner („Briketts“) und eben auch gegen die Polen gerichtet war- gegen „die faulen Polacken, die erstmal richtig arbeitn solln wie wir“. Alltagssprüche, sogar Lehrersprüche – Elternsprüche ohnehin, als nach der Verhängung des Kriegsrechtes Päckchen gepackt und ins Nachbarland geschickt werden sollten. 


Und nichts, nichts von dieser Hirn und Herz zerfressenden Hass-Pest bei meinen Eltern, den Großeltern, all den lieben Brüdern und Schwestern in unserem sächsischen Kaff. Welch ein Geschenk, nun wirklich aus dem Geist jenes wohl schönsten Bibelverses aus den Büchern Moses´, älteste Zurückweisung der Xenophobie: „Glaubt nicht, dass Ihr besser seid als die Mohren, denn auch Ihr wart Sklaven im Lande Ägypten, aus dem Euch herausgeführt hat Euer einziger Gott und Herr Jehova.“ (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, denn jetzt stehen zu bleiben und prompt eine JW-Bibel zum Nachschlagen hingereicht zu bekommen, wäre nun wohl doch zu viel des Guten.)



Später dann, nach Mauerfall – meine Eltern und ich waren längst im Westen – dann die Überraschung, als der Großvater plötzlich im DDR-Fernsehen zu sehen war: Als derjenige, der mit der neuen Regierung über die Wiederzulassung der sowohl unter den Nazis wie unter den Kommunisten verbotenen Zeugen Jehovas verhandelte. Mein Opa, der ab Mitte der sechziger Jahre doch tatsächlich die Gemeinschaft in der Illegalität geleitet hatte. Und nun in den Jahren nach ´89 ganz offiziell „Koordinator“ der ostdeutschen Zeugen Jehovas wurde (heimlich spottende Mitbrüder nannten ihn zuweilen „Terminator“), offizielle Kongress-Reden hielt und auch für die logistische Integration der in Ostdeutschland ansässigen polnischen Gemeinschaftsmitglieder verantwortlich war. 

„Das liegt dem Opa sehr am Herzen, die Hilfe für die lieben polnischen Brüder und Schwestern.“ Meine Großmutter, nun schon längst Rentnerin, mit froher, vogelgleich zirpender Stimme am Telefon. Und wiederum: Nichts da von  all den Hetzreden über „polnische Wirtschaft“oder unlustigen Witzen á la „Besuchen Sie Polen – Ihr Auto ist schon da“. Ein Antidot für´s ganze Leben.


Aber – meine Überlegung, als die Ampel endlich auf grün geschaltet ist und ich über das Pflaster und die Straßenbahngleise der Pilsudskiego sprinte – vielleicht auch nur deshalb wertzuschätzen, weil ich das Andere beizeiten, schon mit 16 Jahren, hinter mir gelassen hatte: Den seit über hundert Jahren propagierten Wahn, die „alte sündige Welt“ würde demnächst untergehen und nur die Zeugen Jehovas gerettet, die dann danach in der „Neuen Welt“ in unsterblicher Eintracht zusammenleben würden. Schneller Blick zurück – und tatsächlich: Auch die polnischen Ausgaben von „Wachtturm“ und „Erwachet“ zieren jene typisch amerikanische Werbe-Illustrationen von geradezu beängstigend sanften Menschen, die in dieser „Neuen Welt“ gemeinsam Äpfel von den Bäumen pflücken. Huch, dann schon lieber Zigaretten, Wodka und anderer Zeitvertreib... 

Aber dennoch: Wie ich sie, obwohl ich sie nicht kenne – und eigentlich auch gar nicht kennen lernen möchte – auf eine seltsame Weise trotzdem ins Herz geschlossen habe, diese mir unbekannten lieben polnischen Brüder und Schwestern. Immerhin nämlich sind sie keine jener bigotten, tribalistischen Kleriker, die sich heute dagegen sperren, auch nur ein Minimum jener vor Mord und Terror geflüchteten syrischen Familien aufzunehmen und dabei in ihrem neoheidnischen National-Wahn sogar die Mahnungen des Papstes ignorieren. (Ist schließlich ja auch nur ein Argentinier, ist keiner von uns...) 

Also, liebe unbekannte Schwestern und Brüder: Adieu & Alles Gute! Und meiner wunderbaren, noch im hohen Alter schwarzhaarigen Großmutter, 1926 in Liegnitz/Legnica als Tochter eines Polen mit wahrscheinlich ethnischer Mehrfach-Identität geboren, das einst gegebene Versprechen gehalten: „Musst nicht allen erzählen, warum ich Dich immer Markole nenne, geht doch die Leute nichts an.“ So soll es sein, aber die Erinnerung an diese gute, von Ressentiments und Hass freie Kindheit – die sollte jetzt schon mal hinaus, ins rätselhaft Weite der  Internet-Welt... 



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Sonntag, 28. August 2016

Klartext, ungefiltert. O-Ton eines polnischen Blog-Lesers

Es spricht: A., 22. Ort: Wroclaw an einem frühen Party-Morgen.

„Natürlich nicht! Auch diese Runde geht auf mich, keep cool. Oder glaubst Du etwa, ich wäre wie diese deutschen Bildungstouristen, die Dir `Stadtschreiber` so lange auf den Sack gehen, bis Du Dich breitschlagen lässt – und das auch noch gratis, Idiot – und abends, als hättest Du nicht noch zu arbeiten, in deren Hotelrestaurants auftauchst, um Fragen anzuhören im Stil von `Ach, Sie schreiben auch einen Blog? Und worüber?´ Und dazu, als Krönung: Sie beordern Dich her, nachdem sie zu Abend gegessen haben. Haha, muss man sich mal vorstellen, echt ein Kulturvolk. Aber jetzt gibt´s Wodka for free, klaro?

Wie ich ihn finde, den Blog? Gut, dass Du mich fragst, denn wahrscheinlich bin ich Dein einziger polnischer Leser. Oder hast Du von diesen Institutions-Nasen, die – ich hab´ ja alles nachgegoogelt in Bild und Text – bei dieser  pompösen ´Inauguration´-Sache um Dich herumgewuselt waren, um ihr eigenes showing off zu machen – hast Du von denen je wieder was gehört, haben die während all der langen Monate hier irgendwas für Dich in der Stadt organisiert, irgendeine Diskussionsveranstaltung mit einheimischen Schreibern? Okay, nicht dass es Dir wichtig wäre. Aber ich, hör zu, ich wäre gern mal zu so was gekommen. Schon um im Publikum zu sitzen und den Hornbebrillten da oben was zu sagen.

Wäre nämlich – Wetten, Kumpel, aber jetzt erstmal Prost – bestimmt wieder so eine Gute-Menschen-Veranstaltung geworden: Besorgte Intellektuelle, gerade zurück vom Italien-Urlaub und nun schon wieder ganz superkluge Leser all ihrer eigenen besserwisserischen Gazeta Wyborcza-Artikel, beim gemeinsamen Jammern über die Warschauer Regierung. De-mo-kra-tie in Ge-fahr! Haben damit vielleicht sogar Recht. aber... ABER! Aber all die junge Leute, die dann währenddessen die Wassergläser oben auf dem Podium nachgegossen hätten oder als lächelndes Dekor am Eingang platziert worden wären: Leute wie ich, die mitunter drei Jobs machen müssen, um durchzukommen oder – was für ein gottverdammter Skandal – noch 27 Jahre nach dem Ende des Kommunismus ins Ausland auswandern müssen, weil ihre so gaaaanz toll europäisch-weltoffene Heimat keine ausreichende Lebensbasis bietet. Von wegen `Zauber der Mobilität´ und so´n Scheiß.


Haben´s sozial;verkackt, die Liberalen von der PO und sollten sich also jetzt besser mal an die eigene Nase fassen und rot werden vor Scham. Schreibst Du´s irgendwann auf, was ich so erzähle, da ich´s ja doch nicht vor richtigem Publikum sagen kann? Zensieren wird man Dich ja wohl nicht, oder? Ist ja nur ´n Blog, den eh keiner liest und nicht etwa staatliches polnisches Fernsehen, haha.

Gut, ich vertrau drauf, weißt Du? Im übrigen solltest Du dem Schicksal oder den Genen oder was weiß ich mal so richtig danken: Wärst nämlich genau so ein schwadronierender Arsch wie all die anderen, würde Dich nicht retten, dass Du ein geborener hunter bist, naughty one. Statt irgendwelcher nicht stattfindender Schriftsteller-Debatten dann eben in Deinem Cactus-Club rumhängen und real people treffen, denen Du die richtigen Wroclaw-Stories verdankst. Leute, die sogar noch glauben, Du seist zehn oder fünfzehn Jahre jünger – ha! Außer eben den ganz Cleveren wie mir, wenn sie Deinen Blog lesen und das Geburtsdatum checken, haha. Klar bin ich clever! Hat mir damals schon dieses Pärchen in Bochum verklickert, als ich dort eben nicht nur bad things durchgezogen habe, sondern vom ersparten Geld zu Volkshochschul-Kursen hin bin, damit´s bei der Rückkehr nach Polen bessere Chancen für´n Wochenend-Studium gibt. Hey, natürlich Rückkehr! Unterschätz´ nie das Heimweh der Polen, das sag´ ich Dir.

Und hab ich´s geschafft oder nicht, dort in Bochum? Na also. Sie war ´ne ukrainische Nutte, ihr Typ ´n deutscher Tätowier-Freak, und  als ich von da irgendwann per Bus wieder weg bin, hatten sie beide Tränen in den Augen – stell dir vor. Sogar die marokkanischen Stricher und die libanesischen Drogendealer, na ja, die waren vielleicht nicht so nah am Wasser gebaut, sondern nur verblüfft, dass... Dass man´s schaffen kann, Mann! Auch ohne Bafög und `Studienstiftung des deutschen Volkes` und solches Zeug. Auch ohne polnisch-liberale Fettpolster-Papas- und Mamas. 

Hab dir ja beim letzten Mal erzählt, was mit meinen Alten passiert ist. Hatten sich beide zu Tode gesoffen, und als Du da so gaaaanz betroffen geguckt hast, hab ich nur gelacht und dir von den Großeltern erzählt – haben mir schließlich deutsch beigebracht. Na ja, vielleicht nicht gerade dieses deutsch,Mix aus Gosse und Uni. Wie Du mich gefragt hattest, woher ich käme. Nicht aus Wroclaw, eher hoch Richtung Poznan. An der Zugstrecke?, hattest Du weitergefragt und erneut groß geguckt, als ich Dir sagte: Hör mal, an dem Kaff, wo ich herkomm´, führt nicht mal ´ne Busstrecke vorbei – ha! Da tagen keine Intellektuellen, da gibt´s keine Installationen zum Kulturhauptstadtjahr – höchstens eins in die Fresse, wenn einer vom Nachbardorf unsre Mädels  zu lang anschaut – so ist das. Außerdem: Solche Geschichten hörste eben nur dann, wenn Du nicht dauernd aufm Rynek herumläufst und Dich an europäischem Flair aufgeilst. Ganz und gar nicht, Kumpel.

Nein, was ich da in Bochum gemacht hab´, geht nicht mal Dich was an. Aber guck mal: Zweiundzwanzig Jahr, blondes Haar – fast wie in diesem alten Udo-Jürgens-Song. Dazu noch Grips, Muskeln und blaue Augen! Der wahre Arier war eben schon immer ein Slawe, haha... Kannst Du Dich an den großen Bauernbengel in Gombrowicz´ Pornographie erinnern, den die beiden Säcke aus Warschau unbedingt mit der Hofmagd verkuppeln wollten? Als ich´s das erste Mal gelesen hab, dachte ich Wow, that´s me. Vom Äußerlichen, mein ich, denn dem Typen fehlte es dann doch ziemlich an Hirn, oder? Na gut, these were the days in Bochum... Man arbeitet halt mit dem, was man hat, aber wichtig ist, da wieder rauszukommen, verstehst du? Nein, lass´ diese lächerlichen Münzen stecken, die Wodka-Phase ist over, jetzt gibt´s Whisky-Coke und wenn Du noch Energie hast, erzähl ich dir, wie ich hier mein Studium finanzier´. Hör gut zu, handelt nämlich von Deinen Landsleuten – oder den spacken Typen, die in der Bar Barbara rumhängen an ihren verdammten Laptops. Ready

Okay... Der Knochenjob bei McDonalds. Den Stress kannst Du Dir ja wohl vorstellen, in jeder Stunde, jeder Minute. Nehm´s wörtlich, Mann! Es gibt da die sogenannten ´secret visitors´, die tauchen mindestens zweimal pro Monat in jeder Filiale auf, um heimlich zu prüfen, ob jeder Bestell- und Verkaufsvorgang nicht länger als maximal vier Minuten dauert. Normalerweise kommen sie allein und sind sehr aufmerksam, so dass wir unter uns Kollegen schnell heimliche Zeichen austauschen können. Zu blöd nur, dass inzwischen fast jeder in der Warteschlange auf sein Smartphone glotzt und ein potentieller Spitzel sein könnte, denn natürlich sehen wir hinter dem Tisch nicht, ob er gerade seine Mails checkt oder etwas soooo Lustiges auf Facebook postet – oder nicht doch die Minuten auf dem Digital-Monitor zählt, während derer er vorrücken kann.

Das Schlimmste: Die rekrutieren diese Schweine aus unserer Generation, würdelose Youngsters, die alles machen – alles, sogar in diesen ausgesourcten Unternehmen ihre Altersgenossen bespitzeln. Hätten sich meine Alten nicht zu Tode gesoffen – Prost!- würde ich Dir jetzt ganz pathetisch in die Augen schauen und fragen: Sind  unsere Vorfahren etwa deshalb protestierend auf die Straße gegangen, damit wir jetzt schon wieder Bespitzelungsängste und Existenznot durchleben? So aber sag ich Dir nur, und das wäre der Ausgleich für all die free drinks heute Nacht: Schreib darüber!


Und darüber, wie´s den polnischen Billigarbeitern bei Amazon geht, vor den Toren der Stadt, weit-weit weg vom schicken Rynek. Und wie die deutschen Streikenden bei Amazon ihre polnischen Kollegen `Streikbrecher´ nennen und wie dieses ganz verdammte Netz geknüpft ist, von dem nur ein paar Idioten glauben, es ließe sich mit irgendwelchen blöden Antikapitalismus-Sprüchen zerreißen. Hast Du eine Idee?

Ich jedenfalls schon mal nicht. Steh´ wochentags an der Kasse und gucke, ob einer dieser Wichser vielleicht grade Runde in unserer Filiale macht. Oder ob irgend so ein super-liberaler, super-umweltbewusster Bar Barbara-Schnösel hereingekommen ist oder eines von diesen verlotterten deutschen Jutesack-Touri-Pärchen, wo Du nie weißt, wer von denen ist nun Mann oder Frau.

Sind die Burger-Brötchen gluten-frei? Haben Sie auch Laktose-Freies im Angebot? Do you have vegetarian meals? Or maybe vegan meals? Stell Dir vor: Bei MacDonalds´s! Am liebsten würdest Du sie totschlagen und deshalb – auch deshalb, schreib´s verdammt noch mal irgendwann auf, okay – wählen auch Jüngere PIS, nicht nur irgendwelche verstockten Alten. Inzwischen was kapiert?

Das Schlimmste bei all dem aber ist, dass diese Typen mit ihren Vegan-Fragen Dir derart die Zeit stehlen, dass Du ins Schwitzen kommst und sofort über ihre Hängeschultern guckst, ob hinter ihnen nicht vielleicht gerade wieder so ein ´secret visitor´ steht, um aufzuschreiben, dass Posten Nr. Soundundso in Filiale X um diese oder jene Zeit das befohlene Minutenmaß überschritten hat. Vorgesetzten-Gespräch, Lohnkürzung, im härtesten Fall Entlassung.

Wobei das Übelste ja schon zuvor passiert. Diese verdammte Angst, diese Ohnmacht. Sommer 2016 in der Europäischen Kulturhauptstadt, Rapport von einem, der 22 ist. Und von wegen – Beste Jahre, kurwa!  Ist zwar auf dem ganzen Globus genau so, aber hier – hier, verstehst Du – haben sich die Leute früher einmal den Arsch aufgerissen und haben Miliz und Militär und Spitzel weggebrüllt oder weggelacht! Und jetzt? Ist inzwischen nur noch Lächeln, mega-tolerant und zum Kotzen. Schreib´s auf, hoffentlich regt´s einen auf von der ganzen Bande. So, und nachdem ich Dir diese Stories geschenkt habe, zahlst Du die letzte Runde."

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Mittwoch, 24. August 2016

Von Breslau in den Kibbuz. Stadtschreiber on tour (III)

„Hallo Marko...Dann nehmen Sie doch am besten den 10:51-Bus von der Arlosoroff-Station in Tel Aviv und kommen dann 12:40 in unserem schönen Hügel-Ort Kiryat Tivon an. Ich hole Sie ab, mein Mann kümmert sich derweil ums Mittagessen, und wir beide freuen uns schon. Herzlichst, Tamar.“

So „geht das eben in Israel: Vermittelt durch die Historikerin Katharina Friedla die Enkelin des Breslauer Tagebuch-Chronisten Willy Cohn anmailen, dann sogleich von jener Dr. Tamar Cohn-Gazit empathische Antwort erhalten und kurz darauf mal so eben das halbe, winzige Land von Süd nach Nord durchqueren in bequemer zweistündiger Überlandbusfahrt. Eine Intellektuellen-Herzlichkeit und häusliche Spontanität ist das, die mir – der Ehrlichkeit halber muss es einmal gesagt werden – während der bisherigen vier Monate in Wroclaw kaum begegnet ist und die auch im wichtigtuerischen „Terminplan-Abgleichen“-Berlin fast nur unter denen zu finden ist, die sich bereits kennen. Nun aber bin ich hier, Sonnenstrahlen pfeilen auf den weich gewordenen Asphalt der Bus-Station, und im Schatten eines Mäuerchens steht ein jüdischer Afroamerikaner und singt mit Unterstützung einer Sound-Maschine Ray-Charles-Songs ins Mikrophon, so dass ich – der Bus wird hupen, aber warten – voller Bewunderung stehen bleibe, Seite an Seite mit einem Soldaten, der sich nach meinem Fahrtziel erkundigt. „Kiryat Tivon? Was für eine Idylle! Wusstest Du, dass Bibis Sara dort zur Schule gegangen ist und die Leute im Ort noch heute über das anmaßende, tumbe Girl spotten? Anyway, ich muss weiter...“ Zur Erklärung: Gemeint ist Sara Netanyahu, die Frau des gegenwärtigen Premiers Benjamin „Bibi“ Netanyahu.



Im Bus dann weiter die Lektüre von Willy Cohns „Kein Recht – nirgends. Breslauer Tagebücher 1933-1941“, deren skrupulöse Intensität den Aufzeichnungen Victor Klemperers in nichts nachsteht. Denn er war ja hier gewesen, im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina, hatte im Frühjahr 1937 die Möglichkeit erkundet, sich mit der Familie hier anzusiedeln. Ein Besuch im Kibbuz Giwath Brenner bei seinem 1935 auf eigene Faust ausgewanderten Sohn Ernst (dem späteren Vater der Historikerin, die ich besuche werde),  Abstecher nach Haifa, Tiberias und Jerusalem (wo er am Deutschen Generalkonsulat die Hakenkreuzfahne wehen sieht). Ein Ausflug auch nach Tel Aviv, auf die Allenby Street, die damalige Prachtstraße der ab 1909 mit einem Spatenstich dem Dünensand abgerungenen Mittelmeer-Stadt. Und der bereits 1933 aus dem Schuldienst vertriebene Lehrer, gottesgläubige Sozialdemokrat und liberale Intellektuelle, der hier im Lande mit seiner Breslauer Geistesausbildung keine Chance sieht, die Familie lebenspraktisch zu ernähren: Wie er dennoch in seinen Aufzeichnungen plötzlich ganz gelöst, ja beglückt wirkt angesichts der Sonne und des Strandes, im Kontakt mit großherzigen Menschen von unprätentiöser Würde, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen haben. „Überall aufbauende Arbeit. Im Kibbuz zeigt mir mein Sohn Ernst den neu entstandenen Garten und die Baumschulen. Am Abend ist dann Ausleihstunde, und viele der Kibbuzniks machen von den bereits reichen Beständen der Bibliothek Gebrauch. Wie es mich reizen würde, hier zu bleiben!“ Ach um G-ttes Willen, lieber Herr Cohn, möchte man ihm über die Jahrzehnte zurufen, lieber Herr Dr. Studienrat Cohn, so bleiben Sie doch hier, bleiben Sie hier, irgendeine Arbeitsmöglichkeit findet sich immer, da in Ihrer geliebten Heimatstadt Breslau ja schon die Mordpläne geschmiedet werden, Sie und die Ihren ums Leben zu bringen!



„Ach, was soll man sagen, er war eben ein Jecke, ein deutscher Jude, und angekettet an das von ihm so verehrte Deutschland, unfähig, sich eine Existenz außerhalb von Breslau vorzustellen, wo man ihn doch ab 1933 immer mehr an den Rand gedrängt hatte.“ Mittagstisch-Gespräch in einem freundlichen Bungalow-Häuschen in Kiryat Tivon, wo es inmitten sanften Hügelwindes tatsächlich so idyllisch ist, wie vom Ray-Charles-begeisterten Soldaten vorhergesagt. Harmonischer, grüner Norden Israels!

„Mein Großvater hätte angesichts der Hügel um uns herum wahrscheinlich sogleich an den Zobten gedacht“, sagt die 1947 hier im Lande geborene Tamar Cohn-Gazit mit einem feinen Lächeln, das voller Sympathie ist, mit Nachsicht und Schmerz: Denn nicht hier in Israel beschloss Willy Cohn seine Tage, sondern wurde mit den in Breslau verbliebenen Familienmitgliedern am 25. November 1941 ins litauische Kaunas deportiert und dort vier Tage später erschossen. „Es war ein richtiges Paradeschießen“, würde der für das Massaker verantwortliche  SS-Standartenführer Dr. Jäger (sic!) in einem Protokoll triumphal notieren: Allein an jenem 29. November 1941 1.155 Frauen, 693 Männer und 152 Kinder von deutschen und litauischen SS-Leuten mit Maschinengewehren niedergemäht.


Die Enkelin spricht über ihren Großvater auf englisch. Tamars Mann Amnom, ein ebenso kluger Pensionär und Zubereiter des wundervoll mediterranen Mittagessens, kommentiert, auf deutsch: „Natürlich ist auch meine liebe Gattin noch genug deutsch geprägt, um Perfektionistin zu sein und die Sprache, die sie ein wenig von ihrem Vater Ernst erlernte, aus Furcht vor etwaigen Grammatikfehlern nicht zu sprechen. Aber verstehen tut sie´s ja doch und ist deshalb auch froh, dass seit 2008 den deutschen Lesern die Breslau-Tagebücher ihres Großvaters in einer hervorragend editierten Ausgabe vorliegen, herausgegeben vom 1938 ebenfalls in Breslau geborenen bundesdeutschen Historiker Norbert Conrads.“


Die Geschichte der geretteten Tagebücher: Eine Odyssee. Willy Cohn hatte ab Weltkriegsbeginn 1939, als sich alle Ausreisepläne endgültig zerschlagen hatten, bereits mit dem Schlimmsten gerechnet, sah sich und die Familie in einer tödlichen Falle – und trug Sorge, dass späterhin wenigstens das Tagebuch gerettet würde, mit Hilfe eines mutigen nicht-jüdischen Freundes. Wie viel Zufälle und geradezu aberwitzige Begegnungen und Fügungen, um Kopien des Manuskripts schließlich in die Hände von Ernst Cohn gelangen zu lassen! „Mein Vater hatte sich ja bereits kurz nach seiner Ankunft 1935 von einem schüchternen, bebrillten Jungen zu einem ernsthaften Kibbuznik entwickelt, ein ehemaliger Breslauer Gymnasiast, der sich nun hier als Autodidakt sogar das Traktorfahren beibrachte. Und dann in langen Jahren, nach der harten täglichen Arbeit, die Tagebücher seines Vaters vom Deutschen ins Hebräische übertrug, Wort für Wort.“

Dieser Sohn Willy Cohns – zusammen mit der Schwester Ruth und dem rechtzeitig nach Frankreich entkommenen Bruder Wolfgang einer der ganz wenigen Überlebenden der Familie – muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein. Inzwischen sind die drei Geschwister hochbetagt verstorben, und auch Tamar Cohn-Gazit ist längst bereits Großmutter und erwartet in der nächsten Stunde Enkel-Besuch. „Zeit genug für den Film...“ Und so werden – nachdem wir den Esstisch gemeinsam abgeräumt haben, Kibbuz-Ethos ist auch in individualistischeren Zeiten noch immer ansteckend – die Dessert-Früchte auf den Fernsehtisch des weiträumigen Parterrezimmers gestellt und der Videorecorder angeschaltet. Eine Dokumentation der deutschen TV-Journalistin Petra Lidschreiber aus dem Jahre 2008: Noch leben die drei einst dem Holocaust entkommenen Kinder des Historikers, besuchen das heutige Wroclaw, gehen den Spuren ihres Vaters am Rynek nach, stehen dort vor dem einstigen Familienbesitz des Hauses Nr.49. Oder spazieren hier in Israel durch die von Ernst Cohn so liebevoll kultivierte Landschaft, voll schmerzlicher Überlegungen, ob der Vater damals nicht doch... Zu spät.

Aber: Die Tagebücher gerettet. Aber: Der Name Cohn von den Dr. Jägers des Dritten Reichs schließlich doch nicht ausgelöscht. Aber: Plötzlich ein riesiges Tohuwabohu draußen im blühenden Garten, Kinderstimmen. „Marko, das sind sie...“ Und hereingetollt kommen die Ur-Urenkel von Willy Cohn, quirlige kleine Israelis.

„Auch für diese Nachkommen habe ich schließlich die Arbeit meines Vaters Ernst komplettiert und den Band von Willy Cohns Tagebüchern auf hebräisch herausgegeben. Hat ziemliches Aufsehen verursacht. Gut so, denn die Beschreibungen schleichender Diskriminierung, Ausgrenzung und Manipulation, die mein Großvater geliefert hat, sind ja so intensiv und universell gültig, dass man geradezu gezwungen ist, auch Fragen bezüglich der weltweiten Gegenwart zu stellen.“
Apropos, und da – zynisch gesprochen – die heutigen Gutes-Gewissen-Deutschen, geläuterte Nachkommen des Dr. Jäger, so gern (und motiv-psychologisch eindeutiger, als ihnen lieb sein dürfte) die Formel „Man wird ja wohl auch Israel noch kritisieren dürfen“ herunterbeten...


Tamar Cohn-Gazit lacht, ihr Mann seufzt auf. „Keine Bange, das machen wir Israelis schon selbst gar nicht schlecht. Probleme unter den Tisch zu kehren ist kein Bestandteil jüdischer Tradition. Eher schon das Gegenteil...“ Dennoch, bei aller Kritik an der gegenwärtigen Regierung: Es ist ein guter Ort, dieses Kiryat Tivon, im Norden Israels, nahe Haifa, wo die Historikerin lange Jahre gelehrt hatte. Die Hügel gegenüber sind von Drusen und Arabern bewohnt, israelischen Staatsbürgern, deren Parteien im Parlament sitzen. Die Spannung, die in den besetzten Gebieten herrscht, ist hier in Kern-Israel weit weg, man kennt und schätzt einander, in den ehemaligen Kibbuzim, heute zumeist privatisiert, arbeiten Juden und Araber ohnehin kollegial zusammen. Wenn auch, natürlich, stets ein unaufhebbarer Rest von Distanz fortbesteht.

„Vielleicht ist es ja wie bei der Tafel am Rynek 49...“, sagt Tamar Gazit-Cohn und führt den Gedanken nicht weiter aus. Nicht nötig, wo es doch offensichtlich ist: Die Gedenkplakette für ihren Großvater ist auf polnisch und englisch beschriftet – zwei Sprachen, in denen der deutschjüdische Lehrer und Historiker, Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und Mitglied der SPD, nie geschrieben hat. An den Stadthistoriker zu erinnern, ohne dessen Muttersprache noch einmal sichtbar werden zu lassen, ist natürlich absurd. Andererseits: Wer wäre berufen, dies zu kritisieren? Die geläuterten Nachkommen all der unzähligen Dr. Jägers, die sich nun als freundliche Nostalgie-Reisende auf die „deutschen Spuren in Breslau“ begeben, wären gewiss nicht die Richtigen, hier etwaige Korrekturvorschläge anzubringen. Während die ehemaligen Breslauer in Israel schon froh genug sind, dass ihrer Geschichte im jetzigen Wroclaw so umfangreich gedacht wird. Weil es ja auch Wichtigeres gibt als die Sprachen auf Gedenkplaketten – etwa die erfreuliche Tatsache, dass Willy Cohns Tagebücher inzwischen auch auf polnisch übersetzt sind.

„Und Sie wissen, weshalb mir mein Vater Ernst den Vornamen Tamar gegeben hat?“, fragt die Historikerin zum Abschied, ganz wie nebenbei. „Zum Gedenken an seine kleine Schwester Tamara Cohn, eines von 152 Kindern, die bei jenem `Paradeschießen` am 29. November 1941 ermordet wurden. Sie war damals drei Jahre alt. Während ich jetzt schon 66 Jahre älter bin als meine in Litauens Massengräbern verscharrte Tante...“

Israel, Ort der Überlebenden – noch immer. Bewahrtes Bewusstsein von der Fragilität unserer Existenz. Und jene, die uns daran erinnern, von einem solchen Großmut und einer Herzensgüte, das man beinahe weinen möchte vor Freude an der Existenz solcher Menschen. Wie gut, diese Reise von Wroclaw nach Eretz Israel unternommen zu haben!


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